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das leben jeden tag neu entdecken…

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Geschichten

Feenland II

Heute begegnet ihr einigen ungewöhnlichen tierischen Bewohnern des Feenlandes. Mit etwas Fantasie und offenen Augen könnt ihr sie draußen auch entdecken. Denn Feenland ist überall.

 

Der stachelige DämonADer stachelige Dämon1

 

Der geriffelte PflaumentüllkäferADer geriffelte Pflaumentüllkäfer1

 

Der blaue NachtfalterADer blaue Nachtfalter1

Der blauäugige Erdbeerzuckerkrabbler

Der blauäugige Erdbeerzuckerkrabbler

 

Die stachelmäulige BlattnaseDie stackelmäulige Blattnase

 

Der fliegende grüne Fuchs

Der fliegende grüne Fuchs

 

Der magere Rothaubentroll

Der magere Rothauben Troll

Omas Puddingsuppe oder das kleine Glück

Gibt es ein Recht auf Glück? Vielleicht. Aber wohl keine Garantie. Es kommt, durchglüht einen – und es geht.  Und hinterlässt einen fassungslos und/oder dankbar, es gehabt zu haben. Nie fühlt sich Glück so gut an wie in seiner Abwesenheit.  Da gibt es Menschen, die glauben, dass das Glück einem zufällt. Schicksal halt. Und Leute, die fest glauben, dass man daran arbeiten kann und sollte: es zu erringen und es festzuhalten. Ich weiß es nicht. Sicher bin ich, dass man es zulassen muss, dass das Glück einen findet. Und dass man zulassen muss, dass es bleibt.

Was man immer für sich tun kann, ist ab und zu für das kleine Glück zu sorgen. Was das kleine Glück ist?

GlückJeder hat das kleine Glück. Man besitzt es. Kann es festhalten, sich daran erinnern und es in manchen Fällen sogar immer wieder hervor holen. Es birgt Wärme, treibt einem die Tränen in die Augen, vertreibt die kalte Leere und macht Mut. Was es ist, das weiß nur jeder selbst. Es ist eigentlich ganz leicht zu finden. Man muss nur mal ein wenig in sich gehen.

 

Hier kommen meine augenblicklichen Top Five des kleinen Glücks – keine Reihenfolge, keine Wertigkeit, ggf. nach Verfügbarkeit 😉 …

  1. Omas Puddingsuppe

Wenn wir als Kinder unglücklich waren, nicht weiter wussten, nicht schlafen konnten, dann kochte Oma eine Puddingsuppe. Eine heiße dicke Vanille Pudding Suppe mit Extra Zimt und Zucker obendrauf. Es ist völlig ausgeschlossen mit zwei Tellern dieser Suppe im Bauch unglücklich zu sein. Zumindest wird das Unglück definitiv auf später verschoben.

  1. Am Meer sein

Welle13Am liebsten, wenn es kalt ist und stürmt. Den Rhythmus der Wellen in sich aufnehmen, geblendet vom Glitzern des Lichts die Augen schließen, Demut vor etwas Ewigem, Altem, Gleichmütigem empfinden, das dir sagt, wie winzig dein Unglück ist und welch Glück es bedeutet, ein Teil von all dem hier zu sein. Und endlich die eine Muschel zu finden…

  1. Mit einem schnarchenden Hund im Bett schlafen

Hunde schlafen tiefenentspannt. Voller Vertrauen. Warm.  Träumend. Sanft atmend. Sich streckend. Schnaufend. Und plötzlich erinnerst du dich wieder, wie die Welt sich anfühlt, wenn alles richtig ist. Dass wir uns nicht missverstehen: Hunde gehören ins Hundebett. Nur halt manchmal: für das kleine Glück, wenn man es braucht.

  1. Mary Hopkins – Those Were The Days

https://www.youtube.com/watch?v=y3KEhWTnWvE. Das war, als all die aufregenden, guten Dinge passierten.  Ich hab’s gehabt. Das gehört mir. War einfach genial.  Erinnern macht glücklich.

  1. Ein schottischer Island Malt

Gerne ein Laphroig oder ein Talisker. Sonne von innen. Vor den inneren Augen das tosende Meer und die schroffe Küste, auf der Zunge und in der Nase den Geschmack und Geruch von Salz und Torf. Eine ganze Welt voller Geschichten von Feen und Kobolden. Voller Mythen und Sehnsüchten und Kämpfern und Träumern. Ein Glas nur – das ist  voll die Kleinglückdroge.

Und was ist euer kleines Glück?

 

Kinderkram – eine ungewöhnliche Versandmitteilung

kinderkram

Die weiße Maus mit ihren Jogger Freunden auf ihrem Lakritzrollen-Weg zur Sonne! 🙂

Kinderkram! Jeder hat so seine Schwächen. Ich nasche statt Schokolade und Pralinen lieber Gummibären, Mäuse, Lakritzschuhe und Glibberhimbeeren. Muss ein Kindheitstraum(a) sein.

Am liebsten mische ich sie mir selber. So wie früher im Laden, wo die Köstlichkeiten in großen Glasgefäßen auf den Regalen aufgereiht waren. Ja, ja, so alt bin ich wirklich. Gottseidank bieten inzwischen etliche Händler so eine Möglichkeit an.

Dieser hier war neu. Was ich einfach mit euch teilen wollte, war die Versandmitteilung, die ich kurz nach meiner Bestellung erhielt.

Gute Neuigkeiten!

Mit Einweghandschuhen aus nachhaltiger
Einhornwolle haben wir Deine grandiose Auswahl aus
unseren Regalen gepickt und anmutig wie eine
Ballerina zum Packtisch getänzelt. Dort haben wir
sie an unsere Versand-Elfen übergeben, die
während der Neben-Saison bei uns arbeiten. Sie
sind putzig und ziemlich flink. Die Artikel wurden
nach einem System in den Karton verpackt, das uns
ein früherer Tetris-Weltmeister beigebracht hat.

Der Abschied unserer heißbegehrten Produkte aus
unserem Lager ist für uns jedes Mal
herzzerreißend. Deshalb bieten wir allen unseren
Mitarbeitern unlimitierten Zugang zu
Taschentüchern. Gerade als wir Deine Bestellung
in die warmherzigen Arme unseres
Versanddienstleisters übergeben haben, sahen wir,
wie sich die Elfen mit Tränen in den Augen an den
Händen nahmen und leise flüsterten: „Jábba
sô manadh, qonay.“ Wir können leider kein
Elfisch, aber sie sagten uns, man könne es grob
übersetzen mit: „Mögen diese Waren Freude und
Glück in das Leben ihres Besitzers bringen.“
Wow, jetzt haben wir selbst einen kleinen Kloß im
Hals.

Als der Lieferwagen langsam am Horizont
verschwand, erschien ein seltener
Doppel-Regenbogen über ihm. Das war der Moment in
dem wir wussten, dass unsere Artikel auf dem Weg
in ein besseres Zuhause waren.

Echt jetzt! Das ist zwar Kinderkram, aber wenigstens mal eine Idee und eine Abwechslung im eintönigen Einerlei der Bestell-, Versand- und Zahlungsbestätigungen, die heute so eingehen. Und deshalb gibt es ein Lob von mir.

Stellt euch vor: meine weiße Maus wurde von einer Elfe verpackt. Über den Quatsch kann man einfach nur Kichern und es hat mir den Tag mit einem Lächeln versüßt. Danke an die Freunde von Naschplatz.de. http://www.naschplatz.de

Bike Tipp Frankfurt: Mit dem Rad zur Alten Niederräder Brücke

Die Alte Niederräder Brücke überspannt den Main  zwischen dem Gutleutviertel und Niederrad. Es ist eine Eisenbahnbrücke, die um 1880 in Betrieb ging. Inzwischen gibt es parallel eine Neue Niederräder Brücke. Aber die alte Konstruktion hat einen besonderen Charme. Und eine Überquerung hält jede Menge Abenteuer bereit. 

Denn es führt ein Fuß-/Radweg parallel zu den Schienen. Hier kann man die Züge praktisch anfassen.

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Zwischen den Pfeilern der Brückenkonstruktion bieten sich eine Vielzahl von Blicken auf Frankfurt, die sich alle lohnen: Auf die Skyline über den Hafenbetrieb hinaus,

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auf die Wassersportler, auf das alte Niederrad, auf Feuerwehrschiff und Segelboothafen und den Schiffsbetrieb.

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Ein buntes Stück Stadt mitten im Grünen.

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Und dann ist da natürlich Orange Beach. Hier kann man die Füße in einem Strandkorb hochlegen oder die Zehen im Sand vergraben und den Main an sich vorbei ziehen lassen.

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Wir haben die Brücke mit den Bikes angefahren. Die Einbahnstraßen in Alt Niederrad sind für Fahrräder in beide Richtungen befahrbar und es radelt sich entspannt. Und das Mainufer bietet allemal eine tolle Strecke für das Fahrrad.

Kommt mir nur hin und wieder in den Sinn…

…schon wieder eine Mohnblüte. Davon gibt es tausende toller, cooler Fotos. Und nun noch welche. Entschuldigung. Ich kann an ihnen einfach nicht vorbeigehen. Jedes Jahr wieder finde ich sie so völlig überraschend. Unglaublich. Wie kann es so etwas geben. Diese Blüte ist so völlig unblumig. So ein Rot kann gar nicht natürlich sein, es muss dem Malkasten eines wilden Malers entsprungen sein. Und das Grün dazu! So grell, unharmonisch ein Rot-Grün Kontrast der „Schau mich an – und zwar sofort“ schreit. Und die Textur. Wie kann etwas lebendig sein, das so vorzeitig gealtert, zerknittert, erschöpft, so ungeheuer fragil aussieht. Zitternd in jedem Windhauch. Anziehend. Ehrfurcht einflößend. Wer mag schon eine Mohnblüte knicken? Eine Laune der Natur?
Als ich das erste Mal live ein Zebra und eine Giraffe sah, so richtig mit bebenden Flanken , zitternden Nüstern und Geruch – da dachte ich auch: das kann es gar nicht geben. Klar, Camouflage im Gras und lange Hälse für hohe Bäume – aber das hätte man rein funktional doch wohl auch anders lösen können. Und seit ein paar Wochen schaue ich durch mein Makro Objektiv und entdecke eine völlig neue Welt der bebend, zarten vielfarbigen Flügel und Panzer. Fantastische Konstruktionen mit undenkbar vielen Variationen von Beinen, Köpfen, Rüsseln, Stacheln. Bedrohlich und berückend schön. Und wie damals in Afrika denke ich: da muss es also doch jemanden geben. Irgendeinen wilden Maler eben. Einen genialen Kreateur. Einen durchgeknallten, überkreativen, völlig gelangweilten Spinner, der Abermillionen Jahre damit verbracht hat, das alles zu erfinden. Und ganz zum Schluss hat dann noch uns auf die Schiene gesetzt. Und sich gleich seine eigenen Follower erschaffen. So Typen wie mich: die nach 60 Jahren immer noch mit offenem Mund vor einer Mohnblüte stehen. Natürlich glaube ich die Geschichte nicht. Kommt mir nur hin und wieder in den Sinn.
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Warum man im Winter an die Nordsee muss…

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…ist für Eingeschworene keine Frage. Für Nichtwisser  und Nichtversteher der pure Graus. Mit gefühlten minus 12 Grad schlägt der Seewind dir den Sand um die Ohren. Statt freundlichen, blaugrauen Nordseewellen erwarten dich schmutziggraue, schaumige Wogen, die an eisigen, scharfen Abbruchkanten enden. Von wegen Salzwasser friert nicht. Meer, Sand und Wind türmen meterhohe Eisschollen am Strand auf. Beim Spazierengehen darauf achten, dass der Wind dir auf dem Hinweg ins Gesicht bläst. Auf dem Rückweg hältst du das nicht mehr aus. Und Schlick bleibt Schlick. Barfuß mag der gesund sein. Unter den Gummistiefeln wird er zur gefährlich glatten Falle. Die windschiefen Bäume auf den grauen Feldern der Küste verbreiten kahl ihre ganz eigene Tristesse. Das muss man mögen. Tu ich. Weil 1. schmecken Rumgrog und Pharisäer eigentlich überhaupt nur nach einem Winterspaziergang an der Küste. 2. dürfen wir unsere Hunde am Strand toben lassen. 3. sind außer wenigen Gleichgesinnten üüüberhaupt keine Touris unterwegs. Nordsee ganz für mich allein. 4. kann man nach strapaziösen Spaziergängen viel mehr Scholle und Krabben mit gutem Gewissen essen. 5. darf man endlich mal die megagroße Sonnenbrille tragen, ohne dass die Sonne scheint. Nämlich gegen den Wind. Machen hier alle. 5. gibt es täglich immer irgendwie, irgendwo ein Stück blauen Himmel. Garantiert pustet der Wind Löcher in die Wolken. 6. Bleibt Schnee nur ganz selten liegen, weil der Wind ihn gleich wieder weg bläst. 7. Wird bereits am 21. Februar der Winter vertrieben. Mit den riesigen Biikefeuern, die dann an der ganzen Küste entlang ihre Flammen in den Himmel werfen. 8. haben die Schafe im Winter viel mehr Wolle. 9. wer fährt schon nach Mallorca?

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Weihnachten bizarr…

„Och bitte“, quengele ich, „nur einmal… Is doch bald Weihnachten… Wir müssen ja nicht auf son großen“ …. Ich habe die beste Version meiner „ist das nicht romantisch“ Stimme aufgesetzt. Und rede natürlich vom Weihnachtsmarkt. „Neee“, stöhnt der meine, „das is doch immer das Gleiche.. und überhaupt haben wir noch nichts gegessen“…  „Siehst du“, kontere ich, „das letzte Mal gab es diese leckere Wildbratwurst“. Er verdreht die Augen: „Ich meinte richtiges Essen“.  „Ach komm schon, nur ganz kurz..“ Er stellt auf Audio um und quält sich unter tiefen, zu Herzen gehenden Seufzern in Schuhe und Jacke. Glücklich lächelnd öffne ich die Haustür. Er bleibt abrupt stehen: „Es regnet“, vermeldet er ungläubig. „Na so was. Dann lassen wir die Hunde eben daheim. Die müssen nicht mit“. Er schaut mich an, als wäre ich gerade irgendwo verbotenerweise entflohen, dann überzieht sein Gesicht ein Ausdruck tiefer Hoffnungslosigkeit.

Der Regen legt munter zu, während wir das vierte Mal um die kleine Altstadt kreisen. Klar, hier sind seit Stunden keine Parkplätze zu finden.  Als wir nach 30 Minuten ca. 20 Minuten vom Marktplatz entfernt auf dem Parkplatz eines Restaurants landen vor dem ein Schild verkündet:  Hier nicht parken. Wir renovieren. Wiedereröffnung August 2012  (so ist das mit den Plänen), tröpfelt es zum Glück nur noch. Ein straffer Marsch bringt uns bald in Kontakt mit einer abwandernden Menschenmenge. „Du, das ist bestimmt gerade zu Ende“ – hoffnungsfroh. „Ach was, doch nicht um diese Uhrzeit, die hat nur der Regen vertrieben.“  Zu Recht.

Wir fallen über den Kabelstrang des Kinderkarussells, das sich mit Pferden, Delfinen und Elefanten zu „Stille Nacht, heilige Nacht“ dreht. Zwei verfröstelte kleine Gestalten klammern sich mit Entsetzen im Gesicht an die Stange der Prinzessinnenkutsche. „Haltet euch gut fest“, der junge Vater versucht Schritt zu halten und – Überraschung – stolpert über das Kabel und schlägt lang hin.  „O Gott, Günther“, Prinzessinnenmama bekommt die Panik und die Prinzessinnen sind für den Augenblick auf sich allein gestellt. Der dicke 8-Jährige mit Weihnachtsmannmütze hat sich das Pferd vorgenommen. „Sti-i-ill-ee – Yippeee, hei-ei-lige – Yippeee“, tönt es, während er an der Stange zerrt und versucht, das Pferd aus der Verankerung zu reißen.  Wir tauchen nun tief ein in den wohlbekannten Duft- Mix aus gebratenen Champignons, Nierenspießen, Bienenwachskerzen und selbstgemachten Seifen. Heimelig. Wie schön, sie alle wiederzusehen. Den mit der in den Nacken gerutschten Pudelmütze, der sich gerade noch am Stehtisch aufrecht hält, die überschminkten 16-Jährigen am Stand der Freiwilligen Feuerwehr, den händeschüttelnden Bürgermeister, der nebenbei mit Friseurmeister Bommers Gemahlin schäkert…

Die handgemalten Poster – durch über 100% Luftfeuchtigkeit nicht mehr ganz so gut entzifferbar- verkünden den Chor der Marta-Lindenfels-Schule für 17.00 Uhr und ein Bläser Solo für 17.30 Uhr. Noch Zeit… Wir wandern an der noch leeren Bühne und den mit Engelhaar geschmückten Brunnenputten vorbei  dorfauswärts.  Ahh, endlich. Der Stand mit dem Keltenschmuck und den Drachen- und Engelsfiguren. Gipsi Figuri, nannte mein Vater sie immer. Aus welchem Material sie heutzutage sein mögen – unzerbrechlich sind sie nicht. Das geht zumindest aus den Verhandlungen hervor, die die Mutter des ungelenken Unglücksrabenkindes mit der Besitzerin des Standes über den Wert des abgebrochenen Drachenohres eines mittelgroßen albern lächelnden Drachens in kackdrachengrün führt. Nun haben sie zu Weihnachten einen schmutzgrünen Drachen ohne Ohr. Unter den Baum kommt der bestimmt nicht.

Am Marktende, kurz vor dem Busbahnhof vor der Martha-Lindenfels-Schule eine Neuerung:. Mehrere Textilhändler mit Migrationshintergrund. „Guck mal,  Mami“, ruft der Teenager, „die waren auch auf dem Parkplatz vom Möbelhaus letzten Sonntag“. Recht hat sie. Ich kann es bezeugen. Dieselben Plastiksporthosen, die Vintage-Rüschenblusen, markige Sweater, deren Nähte Fäden ziehen… Die Kleine kaut unzufrieden auf ihrer Unterlippe: „Die haben ja gar nichts in Pink“. Haben sie nicht. Recht hat sie. „Und die Mützen kratzen“. Recht hat sie auch am nächsten Stand.

Es krächzt aus der Ferne aus den rund um den Marktplatz aufgehängten Lautsprechern. Auf zu neuen Attraktionen.  Als wir uns durch die Menge schieben, die ihre iPhones reckt wie bei einem Popkonzert, entdecken wir einen Haufen Zwerge in unförmigen Daunenjacken und mit Mütze, die mühsam die offene Treppe zur Bühne erklimmen. Nach minutenlangem Gewusel schälen sich zwei Reihen aufgeregter Gesichter heraus, die von mutig über trotzig bis panisch auf uns herunterstarren. Mit Getöse versuchen einige Erwachsenen die bereits angestellten Mikrofone auf Zwergenhöhe nieder zu machen.  Der Lautsprecher neben der Bühne explodiert geradezu mit einem kakophonischen Mix aus zwitschernden Zwergenorganen und Techniksound. Die Menge weicht erschrocken zurück. Einige iPhones verlieren an Höhe. Nun erklimmt eine große Zwergin mit Riesen- Uggs die Treppe zur Bühne, echt trollmäßig. Sie baut sich vor der Zwergentruppe auf und hebt die Hände. Das hätte sie nicht tun sollen. Die Spannung kann auf den echten Einsatz nicht länger warten…“ Sti-hi-lle Naaach.. Quietsch, sterb….Brabbel… „Mann jetzt doch noch nicht, du Pups“ tönt es aus den Lautsprechern, als die Dicke in der Mitte dem kopfkleineren Jungen neben ihr anständig eine langt. Hat sie wirklich Pups gesagt? Sagt man das noch? Wahrscheinlich hab ich mich verhört und sie meinte Pu..??, Pu..?, Pumuckl????? Mir fällt kein Vorname ein. Inzwischen haben sich nach 4 bis  7 Takten Verzweiflung die Stärksten durchgesetzt und wir sind bei  „einsam wacht“ angekommen. Wir beschließen auf das Bläser Solo zu verzichten.

Schweigend durch Pfützen stampfend kehren wir zu unserem Auto und dem unrenovierten Restaurant zurück. Schön war’s. Wie jedes Jahr. War es das? Im warmen Gebläse der Autoheizung langsam trocknend überlege ich mir ganz kurz, ob ich nicht den Vorschlag machen sollte, noch mal eben in den Kunsthandwerkermarkt im Dorfgemeinschaftshaus reinzuschauen… Ein Blick auf das finstere Profil neben mir belehrt mich eines Besseren. Und irgendwie fühle ich mich auch schuldig. Also lade ich ihn lieber zum Essen ein. In ein Restaurant, das seine Renovierungspläne eingehalten hat, mit einem luxuriösen Parkplatz vor der Tür und äußerst dezenter Weihnachtsmusik ganz im Hintergrund. Hier ist der Wein kühl und trocken und die Entenbrust sorgsam vom Bratfett befreit, bevor sie großzügig auf dem frischen Salat verteilt und mit einem Hauch von Balsamico geschmacksverstärkt wurde. Die Weihnachtsdeko besteht aus einer einzigen weißen Kerze mit roter Schleife und einem Mini Tannenzweig. Wir schieben das Arrangement sanft aus dem Blickfeld. Aber nicht zu weit.

So mag ich die Weihnachtsidee:  als Hinweis, als Möglichkeit, als Anstoß. Jedem die Freiheit lassend, dass daraus zu machen, was er in seinem Kopf und seinem Herzen dazu findet. Vielleicht jedes Jahr etwas anderes.  Die nächsten Jahre hat Weihnachtsmarkt bei mir Pause.

Märchen erzählen…

Wenn es draußen zu früh dunkel wird, beim Schein der Kerzen, vor dem Kaminfeuer – da erzählte man sich früher Märchen, spann das feine Garn einer Geschichte oder gab alte Sagen an die folgende Generationen weiter…

Warum nicht den Fernseher auslassen, die Musik herunterdrehen und dem Klang einer Stimme lauschen, die eine Geschichte erzählt. Vielleicht eine nicht ganz aus dieser Zeit oder Welt…

Die Hexe und der Fischer

Es regnete. Die Hexe stand auf ihrem Lieblingsplatz unter der riesigen Buche auf dem Kamm des Berges. Von hier oben lag ihr ihre ganze Welt zu Füßen: das sanfte geschwungene Tal, in dem dort, wo der Wald den Hügel hinaufzuwachsen begann, ihre Hütte stand. Die Nebellichtung, auf der seltene Kräuter wuchsen und wo sich in der Abenddämmerung im Schutze des aufziehenden Dunstes seltsame Gestalten zu einer unhörbaren Musik zu drehen schienen. Den Feuerhügel, auf dem sich Jahr um Jahr alle die zum Tanze trafen, die sich unbedingt dem Leben verschrieben hatten. Und in der Ferne lag bleigrau das schweigende Meer.

Die Hexe nieste. Zeit, hier zu verschwinden, dachte sie, während sie die Feuchtigkeit aus dem Tuch wand, mit dem sie – völlig vergeblich – versucht hatte, ihre Locken vor den rinnenden Regen zu schützen.

Tatsächlich ist es nämlich so, dass auch Hexen sich ganz fürchterlich erkälten können. Es gibt eben Dinge, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Und überhaupt sind natürlich die meisten Geschichten, die man sich über Hexen erzählt, frei erfunden. Überwiegend unterscheiden sich Hexen kein Stück von ihren Mitmenschen.  Sicherlich – hier und da hexten sie eben ein bisschen. Das war es nun mal, was sie sich ausgesucht hatten zu tun. Irgendjemand hatte dem kleinen Mädchen den Wunsch dazu in die Wiege gelegt oder es waren Frauen, deren Vorstellungen über das Lebendigsein keinen Platz gefunden hatten in der Welt, in die sie hineingeboren worden waren.

Auch unsere Hexe hatte sich der unbedingten Hingabe an das Leben verschrieben, denn das war einfach die Voraussetzung fürs Hexen. Sie kannte sich ein wenig aus in der Kunst zu heilen, zog in ihrem Garten nützliche Kräuter und braute hin und wieder abenteuerliche Tränke. Aber das war es nicht, weshalb die Menschen zu ihr kamen. Sie riefen sie zu ihren ungebärdigen Pferden und die Hexe flüsterte den Tieren geheimnisvolle Worte ins Ohr, bevor sie sich mit dem Besitzer beschäftigte und ihm klar machte, dass das Pferd nie ruhig vor dem Karren gehen würde, wenn er es so dicht anschirrte, dass ihm die Deichsel in jeder Kurve in die Hinterbeine schlug. Sie baten sie um Hilfe beim Bauen der Brunnen und die Hexe fand die Stelle, an der das Wasser nahe der Erdoberfläche verlief. Die Menschen kamen zu ihr mit ihren kleinen Leiden und sie sorgte für einen ruhigeren Schlaf oder stillte den Schmerz. Aber die meisten,  die Hilfe suchten bei der Hexe, litten unter dem Leben selbst. Dann – entfachte die Hexe das große Feuer in der Mitte ihrer Hütte unter dem großen Kessel. Zog zwei bequeme Hocker in die Wärme und den Lichtschein der Flammen und brachte die Menschen zum Reden. Ab und zu warf sie eine Hand voll Kräuter mit beruhigendem Duft in den Trank, der in dem großen Kessel still vor sich hin dampfte. Und irgendwann verließen sie die Menschen wieder: getröstet, weil sie nicht länger allein sein mussten mit ihren Zweifeln und gewärmt durch den Hexentrank, der überwiegend aus guten Honigwein mit einer Prise Ingwer bestand. Es schmerzte die Hexe jedes Mal ein klein wenig, wenn sie davon weggeben musste. Denn auch Hexen brauchen an manchen dunklen Abenden Trost….

Hier weiterlesen: Die Hexe und der Fischer cont.
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Vergessene Grenzen

Zäune, die eher einladen als aussperren. Vergessene Grenzen, von denen niemand mehr weiß, was sie einst festhalten oder schützen sollten.  Sie laden geradezu zum Überschreiten ein.

Zurückerobert von ihrer Umgebung  legen Sie dennoch Zeugnis ab von dem Bemühen, die Dinge im Zaum zu halten.

Sie sind wie die unsichtbaren Grenzen in unseren Köpfen, die uns oft hindern, wir selbst zu werden.  Einst errichtet, um uns vor der Gefahr zu schützen, der wir nicht schadlos begegnen konnten.

Zäune, aufgebaut wie Korsettstangen, um uns einen Halt zu geben in schwierigen Zeiten, in denen wir schwankend waren. Linien, die nicht überschritten werden wollten, weil dahinter das Unbekannte lauerte. Schranken, errichtet von anderen, die für uns unser Territorium abgesteckt hatten.

Aber ist die Gefahr nicht lange gebannt? Sind wir nicht stärker geworden? Das Gespenst, das uns erschreckte, nicht längst als Schabernack erkannt? Können wir heute nicht aufrecht stehen ohne das Gerüst aus Regeln, das wir einst brauchten?

Sind wir nicht frei, Grenzen zu überschreiten, weil das Unbekannte uns bereichert statt uns zu gefährden? Wird es nicht Zeit, die Zäune in unserem Kopf einzureißen, deren Fundamente sowieso lange brüchig sind?

Sollten wir nicht zulassen, dass wir berührt werden, ohne die Angst verletzt zu werden? Die Schranken öffnen? Das Muster der Gitterstäbe aus unserer Netzhaut löschen und erkennen, welche Möglichkeiten auf der anderen Seite des Zaunes warten?

Manchmal braucht es nur einen Tritt gegen den morschen Pfahl, einen Stoß, der das alte Tor aus den Angeln hebt. Manchmal bedeutet es einen Griff mit bloßer Hand in den Stacheldraht. Ist es das wert?

Was immer wir finden, es kann niemals eine Enttäuschung sein. Denn die Grenzen in uns, sind die einzigen, die wir immer überschreiten können, und immer wieder. Welche Zäune und Schranken unser Leben auch sonst bestimmen.

Sehnsucht – bittersüß?

„Sehnsucht“ tippe ich in die SMS, die ich mittags an meinen Geliebten schicke. Warum? Weil es sich genau so anfühlt.  Genau so? Wie was? Habe ich ein akutes Bedürfnis nach seiner Nähe? Seiner Stimme?  Seiner Berührung?  Hmm, das alles wäre gerade im Moment eigentlich nicht so passend. Dennoch ist es da: dieses ziehende, zerrende, süße, leicht ins Schmerzliche gehende Gefühl… Sehnsucht eben… In diesem Fall ein schönes Gefühl, aber ist Sehnsucht immer schön? Bittersüß?

Nachschlagen! Aber irgendwie helfen auch die großen Philosophen nicht weiter. Und auch nicht Wikipedia. Niemand definiert zum Beispiel endgültig, ob man sich nach etwas sehnen kann, das man überhaupt nicht kennt.  Habt ihr euch schon mal nach etwas Unbekanntem gesehnt?

Da gibt es die „Todessehnsucht“. Ganz offensichtlich eine Sehnsucht nach etwas Unbekanntem. Aber wenn ihr mal ganz genau überlegt – sind es nicht meist Sehnsüchte nach Dingen, Menschen, Ereignissen, die man einmal hatte oder kannte  oder erlebte?  Und auch die romantisch beschworene Sehnsucht nach der Geliebten, die es noch nicht ist – ist das nicht eher ein Wunsch, basierend auf der Sehnsucht nach der bereits bekannten Nähe, hinter der man sich endloses Potenzial erträumt?

Wenn Sehnsucht und Wunsch sich also unterscheiden, vielleicht in dem Bittersüßen, wie profan kann Sehnsucht dann überhaupt sein? Kann man sich z.B. nach einem Urlaub am Strand sehnen? Oder nach einem neuen Outfit in bleu oder Turnschuhen mit Blümchen? Gibt es große und kleine Sehnsüchte?

Und wie unterscheiden sich dann Bedürfnisse und Sehnsüchte? Kann  man sich nach Grundbedürfnissen sehnen, die – lt. Maslowscher Pyramide – z.B. auch Geborgenheit und Anerkennung umfassen? Kann man sich nach Anerkennung sehnen, wenn man sie nie empfangen hat? Das wäre dann doch wieder eine Sehnsucht nach dem Unbekannten. Wenn ich mich heute ab und zu nach Geborgenheit sehne, so kann ich das, weil ich sie kenne.  Ich wurde in einer tollen Familie groß.  Heute lebe ich allein. Momente der Geborgenheit empfinde ich selten.  Und deshalb sehne ich mich ab und zu danach. An wen ich die Sehnsuchts-SMS schickte? Nun, an jemanden, der unser Beisammensein neulich zutreffend als Verhältnis und nicht als Beziehung beschrieb. Es war wohl mehr um des Bittersüßen willens. Eine kleine Sehnsucht sozusagen?

Warum setzen wir uns nicht fünf Minuten hin und finden heraus, nach was wir uns wirklich sehnen. Und sortieren dabei aus, was ein Wunsch oder vielleicht ein Grundbedürfnis ist. Und dann finden wir vielleicht  heraus, wie sich das wirklich anfühlt und was das ist – die Sehnsucht. Schauen wir mal…

Einmal noch im meinem biblischen Alter mit meinem Pferd im großen Sport erfolgreich sein… Eindeutig ein Wunsch. Oder ein Ziel. Auf keinen Fall Sehnsucht.

Nach Hause kommen. Kennt ihr das? Da hat man endlich drei Wochen Urlaub und so am Ende der zweiten Woche fängt irgendwas an, an uns zu zupfen. Wir wollen „nach Haus“. Dann stellt man sich diesen Augenblick vor, in dem man die Tür aufschließt und alles wieder in Besitz nimmt. Die Augenfreuen sich über das Lieblingsbild und Hände streichen heimlich über das schöne Holz des Küchentresens. Ein Grundbedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit? Ja, vielleicht auch, aber da ist mehr dran. Ich finde, eine kleine Sehnsucht.

Afrika! Mit Afrika meine ich natürlich nicht diesen ganzen wirren Kontinent, sondern „mein Afrika“. Das liegt irgendwo in der Einsamkeit zwischen dem mondbeschienenen Rand eines Kraters mitten im Massailand, dem Fundort von Leakeys homo erectus, dem Flussufer des schimmernden Sambesis, wo Nyaminyami darüber wacht, dass der Elefantenbulle das Küchenzelt nicht völlig zertrampelt und den Schiffswracks an der Skeleton Coast. Ich finde, es ist eine Sehnsucht, wenn der Einstiegssatz des Films „Jenseits von Afrika“! mir unweigerlich die Tränen in die Augen treibt: Ich hatte eine Farm in Afrika… Selbst der Tonfall des Synchronsprechers ist pure Sehnsucht. Ich kann mein Afrika riechen und es auf der Zunge schmecken. Wie toll… Eindeutig eine Sehnsucht. Bittersüß.

Ich vermisse dich, mein Bruder. Da gab es diesen einen Menschen. Dem man so nahe war. Mit dem so vieles im Leben geteilt hat. Der dich so verstanden hat wie kein anderer. Ein Bruder, ein Geliebter, ein Freund…  Den Kontakt verloren. Immer wussten wir, dass er da war. Wir konnten ihn spüren. In uns. Als ein Teil unserer Lebenskraft. Nun ist er gegangen. Still. Ohne sich zu verabschieden. Jetzt ist da nur Leere. Ihn noch einmal ansehen dürfen, sein Gesicht in den Händen halten… Sehnsucht? Nein. Bedauern. Trauer. Nicht nur mein Kopf, auch mein Herz hat verstanden, dass dies unwiederbringlich ist. Keine Sehnsucht. Ein Gefühl der Dankbarkeit, dass ich dies erleben durfte. Aber auch bittersüß.

Hier ist noch eine Sehnsucht. „Ein Sehnen, das sich niemals stillt…“ Ein wundervolles Sehnen.  Dem wir uns hingeben sollten.  Und ein Kniefall vor diesem Dichter, dem es gegeben war, die Worte so zu setzen, dass wir sie fühlen.

Ich lieb ein pulsierendes Leben,
das prickelt und schwellet und quillt,
ein ewiges Senken und Heben,
ein Sehnen, das niemals sich stillt.

Ein stetiges Wogen und Wagen
auf schwanker, gefährlicher Bahn,
von den Wellen des Glückes getragen
im leichten, gebrechlichen Kahn …

Und senkt einst die Göttin die Waage,
zerreißt sie, was mild sie gewebt, –
ich schließe die Augen und sage:
Ich habe geliebt und gelebt!

Rainer Maria Rilke, Prag um 1894

Eine Liebe, eine Sehnsucht, eine Liebe?

Irgendwo in Oklahoma – A Cowgirl’s Soul, part 1

Wir sind irgendwo in Oklahoma – auf der Suche nach dem echten Cowboy Leben. Und oh ja, wir haben es gefunden: es beginnt früh und es ist kalt, Essen gibt es, wenn Zeit ist, d.h. eher selten, und nur herzhaftes Anpacken bewahrt vor dem Kältetod. Hier, wo Cowboying nicht nur Lebensstil, sondern auch Lebensunterhalt ist, findet die Seele des Cowgirl’s endlich, wonach sie auf der Suche war: Weites Land, Rinder, Pferde und wortkarge Menschen voller Freundlichkeit. Und spät abends, wenn wir mit wunden Händen und schmerzenden Knochen zwischen den Waschbären am Feuer sitzen, kommt tatsächlich eine müde Romantik auf.  

Far too early: Trailern mit Poetry

5.30 Uhr morgens. Es ist stockdunkel. Ich stelle mit einem leisen Seufzer den leeren Kaffeebecher auf den Küchentresen, schnappe mir noch die dicken Handschuhe und die alten Chinks und öffne die Tür des Bunkhouse.

Die Novembernacht hat den ersten Frost gebracht. Ein paar hundert Meter entfernt, quer über den Hof, jenseits der Ansammlung von Pickups, Trailern und mobilen Cattle Chutes brennt in der Scheune schon Licht. Natürlich hat es Justin schon wieder vor uns geschafft, und ist mit dem Pferde füttern schon fertig. Wir beeilen uns, unsere Pferde einzusammeln und zu satteln. Schnappen uns Kopfstücke und Satteltaschen und werfen alles hinten auf den Pickup, der schon mit laufendem Motor wartet. Die Pferde klettern ohne viel Umschweife auf die offenen Trailer, Cowdog Pancho springt mit Anlauf auf die Ladefläche  und schon sind wir unterwegs. Wir holen zuerst Nachbar Kevin ab, einen „Day-Worker“, der uns heute helfen wird. Er wartet mit gesatteltem Pferd und hievt noch einen zweiten Brennofen auf die Ladefläche des Pickups. Das „Good Morning“ klingt recht mürrisch, sein Gesichtsausdruck lässt auf eine lange Nacht schließen.

Wir fahren eine scheinbar endlose Strasse in den Sonnenaufgang hinein. Aus dem Radio dudelt Country Music, unterbrochen von Cowboy Poetry. Wunderschöne und manchmal traurige Geschichten und Gedichte über den Alltag des alternden Cowboys, den Abschied des Bareback Reiters von seinem geliebten Rodeo, die Pfiffigkeit des jungen Day Workers, mit der er dem Rancher einen Job abtrotzt und gegen den ewig meckernden Cowboy Bill gewinnt. Justin erzählt uns, dass auch Nachbar Kevin ein Buch mit „Cowboy Poetry“ veröffentlicht hat. Hmm, kaum zu glauben bei unserem einsilbigen Freund. Der verspricht aber, etwas zu Besten zu geben, wenn sein Kopf wieder auf Normalmaß geschrumpft ist.

Somewhere in the Bible Belt

Wir sind irgendwo in Oklahoma, in der Nähe von Woodward. Unser Gastgeber ist Justin von der Howard Ranch. Die Ranch ist keine Guest Ranch, das Bunkhouse ein liebevoll eingerichtetes Mobile Home, in dem manchmal Justins Jagdgäste übernachten und nun wir: auf der Suche nach dem echten Cowboy Leben. Wir haben es gefunden: es beginnt früh und es ist kalt, Essen gibt es, wenn Zeit ist, d.h. eher selten, und nur herzhaftes Anpacken bewahrt vor dem Kältetod. Heute fahren wir fast 150 km bis an unseren Arbeitsort. Dies ist Ranch Land, Cowboying ist hier gewollter Lebensstil und wird täglich gelebt. Riesige Pickups überall vor den landwirtschaftlichen Märkten, kein Kerl ohne staubigen, völlig zerknitterten Hut – das muss so etwas wie ein Wettbewerb sein. Kein Haus ohne Barn und Cattle Pen. Die Tankstellen Treffpunkt zum Austausch der letzten Neuigkeiten, Kaffee im Wärmebecher geht hier nicht unter einem halben Liter raus.  Und hier gibt es definitiv mehr Kirchen als Kneipen, dies ist der Bible Belt. Die Waffe klemmt im Wagen oben hinter der Sonnenschutzblende und Obama hat hier keiner gewählt.

Cow Catching

Unser Ziel ist eine Weide in der Mitte vom Nichts. Hier wartet Justins Partner Jeff auf uns: mit Pickup und zwei gesattelten Pferden auf dem Trailer und Justins Mum als Verstärkung. Neueinteilung der Arbeitsgruppen: die eine Gruppe fährt und holt den mobilen Cattle Pen (ein unglaubliches, komplett zusammklappbares Teil, das einfach auf die Anhängerkupplung gehoben wird), die andere fährt vor und beginnt mit dem Einsammeln der Kühe und Kälber. Die „Weide“ ist ein riesiges unwegsames Gelände, mit Hügeln, Wäldern, Felder voller Dornbüschen, Sumpfgebieten und rohem Fels. Und die Rinder sind scheu und schnell. Sie sehen Pferd und Reiter kaum zweimal im Jahr.  Justin teilt den einzelnen Reitern mit großen Armbewegungen ihr „Sammelgebiet“ zu. Ich habe Mühe, den Überblick zu bewahren und mich nicht zu verirren. Einmal lande ich auf der Jagd nach zwei Mutterkühen mitten im Sumpf, der zu dieser Jahreszeit Gottseidank ziemlich trocken ist. Zu Beginn hefte ich meinen Blick auf den Boden, um das Pferd um die übelsten Löcher und blanken Felsstellen herum zu dirigieren. Dann lasse ich das: Sie stolpern eh und mit den Augen auf dem Boden finde ich meine Rinder nie. Wir laufen zu halsbrecherischer Form auf. Das Ganze ist eine sehr schnelle, hochsensible Jagd – für uns, nicht für die Rinder. Die kennen sich bestens aus und tendieren dazu, sich in Luft aufzulösen, wenn man ihnen zu nahe kommt. Gegen Mittag haben wir die meisten von ihnen allerdings im inzwischen frisch entfalteten Cattle Pen zusammen getrieben. Pause für die Pferde. Ich ziehe mir heimlich ein paar Bisse von meinem Erdnussbuttersandwich rein, außer mir scheint niemand Hunger zu haben. Nun heißt es: Bye, Bye für die Kleinen. Die einzige Öffnung des Cattle Pens endet vor dem Aufstieg in einen Trailer. Durch diese schmale Gasse dürfen aber nur die Kälber, die Mamas werden durch heldenhaften Körpereinsatz der Cowboys von ihren Babys getrennt. Und wieder aus dem Pen gejagt. Sie lauern äußerst unmutig in der Nähe herum, gefangen vom Brüllen ihrer Kälber. Nur sehr zögernd wandert die ein oder andere wieder ab. Wir trailern die Babys auf eine Weide, auf der es einen festen Corral an einer Wasserstelle gibt. Laufgänge und Workchute sind schon aufgebaut. Aber bevor es blutig wird, lädt Justins Mum uns auf eine heiße Suppe und Sandwiches ein. Sie wohnt ein paar Meilen entfernt in einem Mobile Home – natürlich mit zwei Barns, Cattle Pen und einigen Pferdeunterständen. Hier steht auch ein Teil der Pferde aus Justins Quarter Horse Zucht.

From Rodeo to Ranching

Justin baut noch an seiner Existenz als Rancher. Alles, was er verdient,  fließt gleich wieder in ein neues Stück Land, neue Rinder oder den Austausch des ältesten seiner drei Pickups, der bei uns schon seit Jahren nicht mehr auf die Straße dürfte. Justin hat eine lange, erfolgreiche Karriere als Saddle Bronc Rider hinter sich. Seine Ritte kann man im National Cowboy Heritage Museum in OK City bewundern. Mit 36 war er dann definitiv zu alt für das Rodeo Geschäft. Es wäre wohl einfacher, die Knochen aufzuzählen, die er sich nicht gebrochen hat. Und das Wanderleben ohne Familie und andere Freunde als die Rodeo Cowboys hatte er irgendwie auch satt. Und das ewige Auf und Ab zwischen finanziell glücklichen Zeiten, in denen man sich die maßgeschneiderten Stiefel bestellt und den magern Zeiten, in denen man gerne den vom örtliche Friseur gesponserten Haarschnitt für die Rodeo Stars in Anspruch nimmt, um die Matte mal wieder vom Kopf zu bekommen. Aber obwohl er seine noch junge Quarter Horse Zucht und das Cowboying liebt – das Rodeo ist ein Virus, der ihn nie loslassen wird. Und so gibt er nebenbei Kids Unterricht im Reiten und Ropen – für die nächste Generation Rodeo Cowboys. Unsere Pferde sind übrigens ausgemusterte Roping Pferde, turniersauer, nicht ganz einfach zu handeln, aber willig und dankbar für die Arbeit außerhalb einer Arena. An einem Samstag werden wir zum Shopping eingeladen. Durch Baumwollfelder, Öl- und Gaspumpstationen fahren wir – über die Vor- und Nachteile von Silage und Alfalfa Fütterung fachsimpelnd – mal so eben 450 km nach Amarillo, Texas, wo neben dem Rodeo eine riesige Verkaufsshow stattfindet. Und die gesamte Mannschaft nach drei Stunden schwankend unter Packen von Chinks, Batwings, Kopfstücken und Lederbearbeitungswerkzeug glücklich durch die Nacht nach Hause rollt. Im Radio natürlich Country Music. Bleiben vier Stunden Schlaf bis zum nächsten Morgen. Am Sonntag werden die Kühe erst um 7.00 Uhr gefüttert.

Welcome to real life

„Let’s get started“…Es wird früh dunkel und da warten 75 Kälber auf  ihren Eintritt ins Erwachsenenleben. Also hastig das letzte Sandwich herunter geschlungen und zurück auf die Weide, wo unsere Ranchhorses völlig friedlich nebeneinander an den Zügeln lose am Trailer angebunden auf uns warten. Kein Gezerre, keine Keilerei zwischen fremden Pferden, keine aufgescharrte Erde… Ranchhorses eben…

Während ich die Pferde alle zur Wasserstelle führe, bringt Justin den Brennofen in Gang. Die Branding Eisen werden ins Feuer gelegt. Jeff packt aus, was sonst gebraucht wird. Jedes weibliche Kalb wird geimpft, bekommt eine Aufbaukur, sein Ear-Tag mit Nummer, als unveränderliche Markierung ein Dreieck aus dem Ohr gestanzt und erhält seinen JH oder JB Brand. Die Älteren werden enthornt. Die männlichen Kälber außerdem kastriert. Hört sich nach einer traumatischen Erfahrung an. Geht aber so schnell, dass die Kleinen gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Jeff und Justin schwingen sich auf ihre Pferde. Kevin, wir und die Cowdogs suchen zunächst die Kleinsten aus der Herde und treiben die durch einen schmalen Gang aus Paneln durch die offene Work Chute in den Corral. Die Kleinen werden geropt: Head and Heal – am Kopf und am Hinterbein. Die Pferde bleiben stocksteif stehen und halten die Ropes auf Spannung, die Reiter und der Rest der Mannschaft kümmern sich um das verdutzte Minirind. Jeff impft, gibt die Aufbauspritze, setzt die Ohrmarken, Justin kastriert, wir halten den Schwanz aus dem Weg, holen das Eisen aus dem Feuer und bringen den Brand an der richtigen Stelle an. Aufregung das erste Mal, auch das zweite Mal. Beim achten Rind das erste Gefühl von Fließbandarbeit. Die größeren Kälber werden in die Work Chute getrieben und durchlaufen die gleiche Prozedur. Hörner werden gekappt. Nicht immer geht das unblutig ab. Die durchtrennte Arterie besprüht alles in 3 Meter Umkreis mit einem feinen Schauer an Blutstropfen, bis sie mit dem Brenneisen wieder versiegelt ist. Justin benutzt zum Kastrieren steril verpackte Skalpelle, die müssen aber für ein paar mehr Kälber reichen. Blutbespritzt vom Hörner kappen und mit dem blutigen Skalpell zwischen den Zähnen sieht er aus wie aus einem Trash Horror Film – außer, dass die Sonne vom blauen Himmel strahlt. Meine dezenten Versuche, den Männern am späten Abend vor dem Besuch des Restaurants wenigstens ein feuchtes Tuch anzubieten, um das Gesicht abzuwischen, stoßen auf Unverständnis. Wir schaffen die letzten paar Rinder, als es fast schon dunkel ist. Nach Sonnenuntergang ist es bitterkalt. Mit einem mitleidigen Blick auf uns, beschließt man, den Transport des mobilen Cattle Pens auf den nächsten Tag zu verschieben. Normalerweise wäre das kein Thema gewesen. Nur noch anderthalb Stunden…Die brauchen wir auch noch, um nach Hause zu fahren. Als wir bei Charly einfallen, einer Kneipe mit einer Frontausstrahlung, die wir allein nicht zu betreten gewagt hätten, haben wir keine rechte Freude mehr an den Steaks, die weit über den Tellerrand hinaus ragen. Was hätte ich für einen doppelten Whiskey gegeben. Aber 0,1 Prozent Bier ist das Üppigste, was die Kneipen im Bible Belt hergeben. Gesoffen wird daheim. Aber selbst dafür bleibt meistens keine Zeit. Real, real work – nix für Möchtegern-Cowboys.

Das Haus, das mich träumt oder die Anziehungskraft des Alters

Ich bin ein Spinner. Und ganz schön versponnen. Deshalb habe ich mir ein altes Haus gekauft. Weil ich nie schlau werde. Nicht in diesem Leben. Und immer wieder Dinge tue, weil sie sich gut anfühlen und richtig und nicht, weil meine Bewertungsdiagramm das auswertungstechnisch zwingend vorschlägt.

Und weil Niedrigenergiehäuser mich irgendwie einfach nicht anmachen. Ebenso wenig wie Neubausiedlungen.

Also habe ich mir vor ein paar Jahren ganz ohne Bewertungsdiagramm ein über 200 Jahre altes Fachwerkhaus mit Geschichte gekauft.  Mit alter knarrender Eichentreppe, auf der des Nachts die Geister unterwegs sind. Ich höre die Stimmen spielender Kinder, das vorwurfsvolle Schimpfen einer alten Frau und die trotzige, sehnsuchtsvolle Stimme eines jungen Mannes, der keine Ruhe findet. Ich habe ihre Geschichte geschrieben, um sie zu besänftigen, aber sie wollen nicht weichen. Dies ist auch ihr Zuhause, ich werde es teilen müssen.

Wie Generationen von Frauen vor mir knie ich auf den Stufen der alten Eichentreppe, um sie zu ölen und dem Holz seinen warmen Glanz zurückzugeben. Auf dass ihm die Hundepfoten nichts mehr anhaben können.  Auch ich bin jetzt hier zuhause, ich wurde aufgenommen in die Gemeinschaft der Menschen, die hier beteten, lebten, arbeiteten und liebten.  Hier bin ich nie allein.

Der Dorfhistoriker meint, der niedrige Gewölbekeller sei noch viel älter als das Haus.  Irgendwann aus dem 17. Jahrhundert.  Auf den Überresten des abgerannten Gehöftes hat dann vor über 200 Jahren die kleine jüdische Gemeinde der Region ein Fachwerkhaus erbaut  – als Synagoge, als einen Ort des Betens und des Lernens.  Ich konnte nicht herausfinden, was während des Krieges geschah, als auch hier die Juden vertrieben wurden. Nach dem Krieg verkaufte die jüdische Gemeinde es als Wohnhaus.  Etliche Historiker aus Israel haben seitdem im alten Gewölbekeller nach der Mikwe, dem rituellen Bad gesucht.  Gefunden hat niemand etwas.

Dieses Haus hat zu mir gesprochen – von Anfang an. Die Wände wisperten mir von den Träumen seiner Bewohner und wie Tentakel griffen Bruchstücke seiner Geschichte nach meinem Geist.  Bereits bei der ersten Besichtigung fand ich einige hundert Meter entfernt den alten, jüdischen Friedhof unter den großen Bäumen am Waldrand gegenüber. Ein Ort voll des flirrenden Lichts, glitzernder Spinnweben, tausender Waldblumen und einer ungeheuren Stille.

Ich verzichtete auf den Bausachverständigen – und wurde belohnt mit durchgefaulten Grundbalken, nassen Wänden und Lochfraß in den Leitungen. Ich spinne halt!  Es gibt in diesem Haus keine gerade Linie oder Fläche. Gardinenstangen kann man entweder parallel zur Decke oder zum Fenster hängen – beides geht nicht. Es gibt tückische kleine Absätze im Boden von Zimmer zu Zimmer, alle Decken sind unterschiedlich hoch.  Von einigen Böden habe ich vier! Lagen Bodenbelag entfernt, bevor ich auf den alten Holzboden stieß. Die Heißwasserleitungen laufen auf Putz, über die Fenster schweigen wir. Ich habe es behutsam renoviert, nur ein wenig. Ich habe es mit alten Lieblingsstücken und moderner Kunst gefüllt. Und mit den Bildern meiner Ahnen. In meiner Cowboydiele hängen die Lassos und die Chinks meiner Viehtriebe. Die Küche ist bis zur Decke voll mit alten Zwiebelmuster Spruchbrettern, Dosen, Töpfen… Von  meinem Platz am Schreibtisch sehe ich auf die verwinkelten Giebel und roten Ziegeldächer des alten Dorfkerns. Dahinter steigt der Wald die Hügel bis zum Himmel empor.

Ich wohne hier nicht, ich lebe hier. Es ist ein Zuhause. Es war ein Zuhause für alle Menschen, die vor mir darin lebten. Menschen, betende, singende, streitende, lachende, sterbende und schreiende, liebende und träumende, gaben ihm seine Aura. Vielleicht lag es an den vielen Betern und Gebeten,  dass das Haus eines Tages begann, etwas an seine Bewohner zurückzugeben.

Als ich jünger war, träumte ich von weiten Lofts im Industriestil mit japanischer Minimaleinrichtung. Jetzt träumt dieses Haus mich. Mit den vielen kleinen Fenstern, die die Sonnenstrahlen fangen und den ganzen Tag lang überall kleine Feuer entzünden, die sich spiegeln in Silber, Bronze, altem Glas und poliertem Holz. Versponnen….

Hier kann man Geschichten schreiben, spinnen, träumen. Von  hier geht man fort, um wiederzukehren. Es ist nicht einmal ein schönes Haus. Man kann es schön einrichten. Aber seine ungeheure Anziehungskraft besteht aus seiner Atmosphäre. Um sie zu spüren und sich daran zu bereichern, muss man wahrscheinlich ein Spinner sein. So einer wie ich.

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