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Was über Kühe und Goethe und Geschichte und die Herrenhuter – Geschichten vom Dorf

Von Hölzchen aufs Stöckchen – seltsam wie die Gedanken so wandern.

Deshalb wandert in dieser Geschichte der Faden von der artgerecht gehaltenen Kuh bis zur Herrenhuter Brüdergemeine, der Moravian Church, einer überkonfessionellen, stark calvinistisch geprägten Gemeinschaft aus dem früheren Böhmen.

Aber zunächst zurück zu den Kühen. Die leben hier nämlich ziemlich wild und ziemlich gerne. Das schattige Quartier mit Aussicht würde ich auch gerne nehmen.

Im Hintergrund immer mein kleines Dorf. Ich habe neulich mal Flugblätter verteilt: 420 Haushalte inklusive aller Neubaugebiete.

Und hier noch einmal meine wilde Lieblingskuh.

Die ist doch echt hübsch, oder?

Von diesen Kühen kam ich gedanklich auf die Herde des Staatsgutes Marienborn, gleich neben unserem Dorf. Auch diese glückliche rotbunte Herde ist samt Familie so lange draußen auf den Wiesen wie es eben geht.

Und bei Marienborn kommen die Herrnhuter Brüder ins Spiel.

Klosterzeit
Seit 1274 stand an dieser Stelle eines der reichsten Zisterzienserinnen-kloster, die es damals gab. Nach der Reformation fiel es zurück an die Grafen von Isenburg-Büdingen, die dort ein Schloss bauten.

Schlosszeit und die Herrenhuter
Als wegen ihrer sehr freimütigen und abweichenden Ansichten zur Hauptkirche die Herrenhuter Gemeinschaft unter dem Grafen Zinsendorf aus dem Kursachsen vertrieben wurde, fand sie Asyl bei den Grafen von Ysenburg auf der Ronneburg in der Wetterau. Von dort aus gründeten sie die Gemeinde Herrenhut und übernahmen 1736 das Schloss Marienborn.

1769 besuchte Goethe eine der dort von der Gemeine abgehaltenen Synoden. Zitat aus Dichtung und Wahrheit: Die trefflichen Männer, die ich auf dem Synodus zu Marienborn, wohin mich Legationsrat Moritz, Geschäftsträger des Grafen Ysenburg, mitnahm, kennen lernte, hatten meine ganze Verehrung gewonnen und es wäre nur auf die angekommen, mich zu den ihrigen zu machen.

Im 7jährigen Krieg nutzen die alliierten Armeen unter dem Herzog von Braunschweig mit 40.000 Mann und 1000 Wagen Marienborn als Hauptquartier und die umliegenden Felder und Weiden als Truppenlager.

Bis 1889 wurden wegen Baufälligkeit und Nichtnutzung große Teile des Schlosses und die gesamte Kirche abgerissen. Die heutige Hofanlage weist noch Gebäude aus den Jahren 1705 und 1708 auf.

Landwirtschaftsära
Nach dem 1. Weltkrieg verkauften die Fürsten die Anlage endgültig. Seit 1964 ist das Hofgut eine Staatsdomäne des Landes Hessen. Die Justus-Liebig-Universität hat das Gut gepachtet. Marienborn dient heute als Lehr- und Versuchsgut für die betriebswirtschaftliche Forschung in der Agrarwissenschaft.

Dazu zählt auch die weitgehend freilebende Kuhherde, im letzten Jahr ein Anbaufeld mit Schlafmohn, kilometergroße Sonnenblumenfelder und das testen vieler neuer Anbausorten. Hier wird jedes Feld vor dem Mähen von freiwilligen Helfern durchkämmt, damit kein Kitz in die Mähdrescher kommt. Seit 2008 bewirtschaft eine Familie den Hof, die artgerecht Schweine hält und Biofleisch verkauft.

So kommt man von der glücklichen Kuh über die Kirche, Goethe und Krieg hin zu glücklichen Schweinen. Eigentlich nur ein kleiner Umweg.

Leseempfehlungen:

Über den 7jährigen Krieg. Völlig irre. Jeder gegen jeden.

Über die Herrenhuter. Die gibt es immer noch. Viele Gemeinden rund um den Globus, viele in den USA, die größte in Tansania. Spannend.

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