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Der verwunschene Hain

Hain9.jpgDer Ort war alt. Und fast schon tot. Jeder, der säen und ernten musste, hatte ihn schon lange verlassen. Nur in Bodennähe huschten kleine Wesen und nährten sich von dem Verfall.

Die alten Bäume trauerten. Sie trauertem seit dem Tag, an dem hier das letzte Klagen und die Schmerzensschreie erloschen waren. Sie trauerten in Stille und sie starben.

HAin8.jpgNur manchmal, an den helleren Tagen, kam Sie in den Hain. Dunkel und blass, mit einer Mondsichel auf der Stirn. So durchscheinend war Sie, als gehöre sie gar nicht zu dem Jetzt, sondern zu den alten, vergangenen Tagen.

Hain11a.jpgAber sie war sehr wohl lebendig. Der Hain spürte das. Ihr stechender Schmerz weckten ihn aus seiner Starre. Und so gab der Hain ihr, während Sie ihn durchstreifte, das ein oder andere aus der Vergangenheit: ein Stück zerbrochenes Geschirr, eine verrostete Handsense, ein Stück halbverbranntes Gebälk mit einem Namen.

Was sie suchte, konnte er ihr nicht geben. Nichts, rein gar nichts war geblieben von den Toten nach der Feuersbrunst. Und Er hatte dazu gehört. Er hatte gekämpft, mit blitzenden Lichtern in seinem Augen und ihrem Herz neben seinem. Gegen die Schatten und die Dunkelheit. Sie hatten verloren.

Hain6a.jpgDieses Mal. Sie verbrannten ihre Toten und zogen fort. Wie sie es immer schon getan hatten. Niemals kam jemand zurück. Bis auf Sie.

Ein Teil von ihr war hier geblieben. Sie war an diesen Ort gebunden wie die Bäume, tief verwurzelt in der verbrannten Erde, nicht fähig zu sterben, aber auch nicht zu leben.

So wanderte Sie mit dem Hain ein Stück durch den Raum und die Zeit. Gefangen, gezeichnet, ein Schatten ihrer selbst.

Hain4.jpg

2 Antworten auf „Der verwunschene Hain Hinterlasse einen Kommentar

  1. deine geschichte ist schön zu lesen, zu sehen und mit eigener fantasie noch weiter auszumalen.

    viele geister sind aktuell unterwegs, wie schlafwandler in warteschlangen vor drohendem weltuntergang, hübsch diszipliniert abstand haltend. man kommuniziert nonverbal, ungewohnt öfter und anders als sonst – in namenloser stille der menge mensch.

    mich faszinieren „vergessene orte“, wie etwa eine vor jahrzehnten verlassene kaserne in Köln, bis eines tages die bagger kommen und womöglich ein lager von amazon oder sonstigem entsteht, mit fix-&-fertig-teilen, schneller abzubauen als woanders wieder aufzubauen.

    mir sind 2019 in Binz insel Rügen viele winzige und größere kobolde und trolle begegnet, kam aus dem staunen erst wieder heraus, als es zu regnen begann. sie zeigen sich nicht jedem 🙂

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