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Aurelies Wald

Aurelie ging jeden Tag ihres Lebens in ihren Wald. Sie hatte es begonnen, als sie jung war und ihr Herz voller Erwartung. Und sie tat es, als sie alt war und ihr Herz nichts mehr erwartete, als das, was sie in Ihrem Wald finden würde.

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Eigentlich war Aurelies Wald ein Naturschutzgebiet, in dem sich wegen der seltenen Vogelarten am See den größten Teil des Jahres überhaupt niemand aufhalten sollte. Das galt natürlich nicht für Aurelie, es war schließlich ihr Wald.

Im Winter trug Aurelie eine fantastisch bunt gestrickte Mütze und ihren dicken alten Parka mit dem abgewetzten falschen Pelzkragen an der Kapuze. Sie sprach mit den wenigen Spaziergängern auf den Wegen, erkundigte sich nach den Hunden und Kindern, die mit unterwegs waren. Obwohl stets freundlich wirkte sie auf ihre Gegenüber immer ein wenig abwesend, verträumt.

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Im Sommer tauschte sie die Mütze gegen eine braune Kappe mit einem Schirm, ein wenig keck, wie ein Vogelschnabel vielleicht. Ihr abgetragener Strickpulli war eine gute, tarnfarbene Mischung aus moosgrün, efeugrün und birkengrün. So verschmolz sie mit dem Waldboden und verschreckte nicht die Vögel und störte sie nicht beim Aufziehen ihrer Brut.

Aurelies Wald war ihr Zuhause. Ein Zuhause, das einen festen, verlässlichen Boden hatte, der sanft bebte unter ihren Schritten, und das ohne eine Decke bis in den Himmel reichte. Es war immer mehr, als ihre beiden Arme umfassen konnten. Damit war sie mehr als zufrieden.

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Ihr Weg endete stets am großen See, an dem sie sich vorsichtig auf einer maroden Bank niederließ. Es war nichts als ein grobes Brett auf zwei kleinen Findlingen, unbeachtet, ein wenig in den Brombeeren versteckt und seit Jahren nie erneuert, um ja nicht zu einladend zu wirken.

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Neulich hatte Aurelie im Radio gehört, dass Leute in den Wald gingen, um Bäume zu umarmen. Aurelie kam das äußerst merkwürdig vor. Sie umarmte keine Bäume, sie atmete den Wald einfach ein. Sie atmete den Moosduft, atmete die Lichtstrahlen, die von den weißen Birkenstämmen zurückschossen, sie atmete die silbernen Regenperlen an den Kiefernadeln. Sie atmete überhaupt und einfach alles ein, was ihr schön und des Erforschens und Berührens wert zu sein schien. Und das war fast alles in ihrem Wald.

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An einem sonnigen Tag, als es schon fast Frühling war, fand Aurelie auf dem Weg eine Miniatur Vogelfeder. Sie war so winzig, aber völlig perfekt. Flaum so zart wie Spinnenfäden und  braun-grün getupfte, starke Federn an der Spitze. Aurelie hielt sie in der Höhle ihrer Hand gefangen, bis sie an den See zu ihrer Bank kam. Sie setzte sich und betrachtete die Feder, die ihr seltsam vertraut vorkam. Sie lauschte dem vielstimmigen Vogelgezwitscher und während die erste warme Sonne des Jahres sie langsam durchdrang, wusste sie, dass es Zeit war, los zu lassen.

So öffnete sie ihre Hand weit und mit dem leisen Hauch ihres Atems schickte sie die Feder über den See.

 

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