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Der Fisch auf dem Klavier …

Wenn ihr euch schon lange gefragt habt, welches gute Kinderbuch die Kids mal wieder zum Lesen verleiten könnte – da bin ich genau auf das richtige gestoßen. Ringelnatz2.jpg

Der Autor ist zugegebenerweise nicht ganz aus dieser Zeit. Nichts desto trotz gibt es Spiele, die werden nicht alt.

Und dieses kleine Buch enthält etliche wundervolle Anleitungen für herrliche Spiele für Kinder von 5 bis 15 Jahren. Ein kleines Beispiel, bevor ihr zur Bestellung schreitet.

Eine Erfindung machen

(Nur für Kinder, die keinen Schiss haben)

Wer was erfindet, wird furchtbar reich.
Was man erfindet, ist ganz gleich.
Wenn man nur allerlei Dinge zusammenmischt,
Noch länger, als bis es zischt, und das Richtige rausfischt,

Dann wird man in wenigen Stunden

Berühmt oder macht Gold.
Ich hab auch schon mal was zur Hälfte erfunden,
Aber Wolfgang, mein Bruder wollte nicht mehr. 

Wenn ihr das etwa fertig erfinden wollt,
Will ich’s euch sagen.
Aber es ist sehr, furchtbar sehr schwer.

Das allerwichtigste ist die teure
Furchtbar gefährliche Salzsäure.
Entweder findet ihr die im Klosett
 Hoch oben auf einem Brett.

Oder ihr müsst euch unter das Dienstmädchen stecken.
Dürft aber ja nicht dran lecken.

Erst legt ihr einen Goldfisch oder anderen Fisch 
Es kann auch ein Rollmops sein 
Nicht etwa auf den Tisch,
Sondern: Auf Elfenbein.

Und zwar auf die weißen Tasten von dem Klavier.
Müsst aber die Fische vorher mit Bier
Und Zahnpulver kneten
Und auch erst tot treten,
Damit sie auch liegen bleiben.

Nun müsst ihr Seife, dann Zwiebel drüber reiben.
Dann müsst ihr Pfennige, Nachtleuchterstücken
Und anderes Kupfer tief in die Fische drücken,

Und nun darüber langsam die Salzsäure träufeln.

Dann holt ihr schnell eine Schaufel (eigentlich zwei Schäufeln)
Voll glühender Kohlen.

Wolfgang ließ mich damals die zweite Schaufel nicht holen.
Der dumme Ochse ist ja zu unverschämt.

Aber ihr müsst das zu Ende bringen.

Wenn ihr noch Soda und Wachs und sowas zu nehmt,
Dann wird’s schon gelingen.

Und wenn eure Eltern was wollen,
Dann müsst ihr zum Trotz in die glühenden Kohlen fassen.

Und sagt nur ganz barsch: Sie sollen
Sich lieber recht bald begraben lassen.

 

Ok, ok, das ist vielleicht etwas für ältere Kindern, aber es gibt auch Spielanleitungen, an denen auch jüngere ihre Freude haben. Ob man es als frühe Einweisung in die philosophisch zu betrachtende Wahrscheinlichkeitsrechnung oder ertüchtigende Übung betrachtet – kreativ ist es auf jeden Fall.

Himmelsklöße
(Das Spiel, das Frau Geheime Hofrat Anette von Belghausen Berlin S. W.,
Königgrätzerstr. 77I, als Kind so gern gespielt hat.)

Je mehr Kinder dabei mitmachen,
Umso mehr gibt es nachher zu lachen.

Dicke Papiere sind nicht zu gebrauchen.
Man muss Zeitung oder Briefe von Vaters Schreibtisch nehmen.

Keiner darf sich schämen,
Das Papier mit der Hand in den Nachttopf zu tauchen.

Wenn es ganz weich ist, wird es zu Klößen geballt
Und mit aller Wucht gegen die Decke geknallt.

Man darf auch vorher schnell noch Popel hineinkneten.

Solche Klöße bleiben oben minutenlang kleben.
Jedes Kind muss nun unter einen der Klöße treten
Und den offenen Mund nach der Decke erheben.

Vorher singen alle im Rund:
„Lieber Himmel tu uns kund,
Wer hat einen bösen Mund.“
Bis der erste Kloß runterfällt
Und trifft zum Beispiel Fannis Gesicht.
Dann wird die Fanni umstellt.

Und alle singen (nur Fanni nicht):
„Schweinehündin, Schweinehund!
Himmelsklöße taten kund:
Du hast einen bösen Mund.
Sperrt sie in den Kleiderschrank
Wegen ihrem Mordsgestank.“

Steckt eurem Vater frech die Zunge
Heraus. Und ruft: „Prost Lausejunge!“
Dann — wenn er vorher auch noch grollte —
Vergisst er, dass er euch prügeln wollte.

 

Jetzt aber! Nichts wie los und schnell bestellen: Joachim Ringelnatz: Geheimes Kinder-Spiel-Buch 1924.

Die „Schlacht mit richtigen Bomben“ oder das „Afrikanische Duell“ sollte jedes Kind wirklich kennen.

Ob Ringelnatz hier späte Rache an seinem allzu stengen Eltern nimmt oder subversiven Blödsinn nutzt, um Schlimmeres zu verhindern und damit einem pädagogischen Anspruch gerecht wird, sei dahin gestellt.

Persönlich finde ich, dass zumindest bei experimentierfreudigen Kindern begleitetes Lesen angebracht wäre. 😂😂😂

Ich musste allerdings kein Kind mehr sein: Mir hat das Lesen einen höllischen Spaß gemacht.

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