Zum Inhalt springen

Zehntausend fliegende Teppiche

Ich konnte lesen, bevor ich in die Schule ging. Dann konnte ich querlesen. Heute nennt man so etwas Speed oder Power Reading. Damals war ich nur einfach schnell. Für zwei Stunden Zugfahrt packte ich voller Angst, das mir der Stoff ausginge, mindestens zwei Bücher ein. Und ich hortete sie.

Auf dem Höhepunkt meiner Bücherbesessenheit besaß ich fast 10.000 Stück. Überwiegend natürlich Taschenbücher. Anderes war nicht finanzierbar. Ich war Stammgast auf Flohmärkten. Bei Wohnungswechseln plante ich endlose Mengen Bücherwände ein. Hübsch war diese Sammlung nicht. Weggeben wäre undenkbar gewesen.

Hat weh getan …

Aber eines Tages  – in meinem ersten eigenen Haus – hatte ich keine Lust mehr auf quietschbunte Papierwände in Flur oder Wohnzimmer. Es tat mir in der Seele weh, aber ich begann den schwierigen Prozess der Trennung.

Als erstes verkaufte ich meine Science Fiction Sammlung von über 3500 Stück. Dann begann ich Romane auszusortieren, die mich nicht so besonders fasziniert hatten. Und immer so weiter.

Zurück blieben meine Lieblingsschriftsteller, stets komplette Sammlungen, von Hermann Hesse über Michener, Uris, Clavell bis Morris West. Ein bunte Sammlung esoterischer und philosophischer Werke. Ein paar Bildbände, wenige Sachbücher. Viele Gedichtbände.

Schräg.jpg

Und ich begann alte Bücher zu sammeln. Nicht so sehr, um sie alle zu lesen, sondern  wegen ihres wundervollen Aussehens, das sozusagen Bände sprach, wegen der zum Teil kuriosen und wundersamen Inhalte und ihrer Eignung als Foto-Objekte.

Meine Romansammlungen inklusive Taschenbüchern zieren heute die Wände meines Fotostudios. Und übers Haus verteilen sich viele kleine Bücherregale.

Einfach nur noch wild …

Und in ihnen herrscht keinerlei Ordnung. Die Mischung ist wild – und wundervoll.

Neben dem Tortenbehälter der Großmutter und dem von meinem Liebsten für mich kreierten Treibgutobjekt finden sich in diesem Regal unten Bildbände über meine Hunting Dogs, denen ich in Zambia auf der Spur war, und welche über die letzten stolzen Großsegler der Welt. Dazu natürlich die Seemannschaft für Großsegler, da ich ja wissen musste, an welchem Ende ich ziehen musste und welchen Nagel belegen. Dann Knaurs Wintermärchen. Ein Brehms Tierleben. Und alles über den Bildhauer Igor Mitoraj.

Mein ganzer Stolz ist die Sammlung der komplett vergriffenen Afrika Romane von Robert Ruark gleich neben dem I Ging und dem für mich schönsten Gedichtband von Erich Fried.

Oben findet man die Tintenherz Trilogie gleich neben einem alten Neuen Testament, dem unverzichtbaren Knigge und eine gestreifte Übersetzung von Phantom de l’Opera.

Ein paar weitere Schätze wohnen in diesem alten Milchbord eines reichen Bauern aus der Schweiz.

C-Ornung machen.jpg BB5.jpg

Querbeet gelesen

Ich lese heute weniger, es strengt meine Augen an.  Aber immer noch mehrere Bücher gleichzeitig. Im Auto als Hörbuch: Robert Harris: Konklave. Ein unglaublicher Krimi. Aber vielleicht muss man mit dem Pomp und der Selbstgerechtigkeit der katholischen Kirche goß geworden sein, um das spannend zu finden. Zum Rumschleppen im Haus: Louise Erdrich: Spuren. Eine geistergewaltige Indianergeschichte aus den 1920ern in Dakota. Im Schlafzimmer: Tess Gerritsen: Leichenraub. Ein Zwei-Zeiten-Krimi aus dem Krankenhausmilieu vor Semmelweiss und Lister. Zu meinem aktuellen Rechercheprojekt über Hexen: Hexen und Heiler in der Grafschaft Büdingen. Mit beiliegendem Marker.

_MG_8766.JPG

In die Wiege gelegt

Ich wuchs auf mit der riesigen Bücherwand meiner Eltern. Jeder meiner Eltern hatte immer ein Buch in Arbeit. Mindestens zwei aus der Familie lasen ein Buch, um dann darüber zu sprechen.

Als Kind baute ich mit Legosteinen den Webstuhl aus „Die Höhlenkinder“.  Ich fand im Regal „Nackt bin ich geboren“ über Michelangelo und machte weiter mit einem Roman über Rodin. Ich verschlang Thorwalds „Jahrhundert der Detektive“ und fieberte mit dem Überleben der Menschen  in seinen „Die Patienten“, der Geschichte der ersten Transplantationen. Ich hangelte mich von oben rechts – Ringelnatz und Morgenstern -nach unten links und fand Selinkos „Desiree“ und Oskar Wildes Erzählungen..

Ecke neu 4.jpg

Dieser Flickenteppich aus Erkenntnissen

Ich verliebte mich. In Bücher. In diese wundervolle Welt, die Buch für Buch größer wurde. Und bunter und komplexer. Die nun zurück reichte in der Zeit und ein Stück voraus. Die immer mehr Fragen aufwarf, als sie Antworten lieferte.

An diesem Flickenteppich von Ereignissen und Erkenntnissen, diesen vereinzelten Puzzleteilen, die eine erklärbare Welt werden sollten, arbeite ich heute noch mit jeder Seite, die ich umblättere.

ShortstoriesHDR.jpg

Deutschunterricht und Germanistikstudium fügten viele neue Bücher, aber nur wenige faszinierende Erkenntnisse hinzu. Ich wollte nicht mit Büchern arbeiten. Sie nicht erklären, vergleichen, einordnen und interpretieren.

Ich wollte sie weiter als meinen fliegenden Teppich benutzen.

Kopfkino

Nie war eine Verfilmung auch nur annähernd so gut wie der Film, der sich in meinem Kopf abspielt, wenn ich lese. Wenn ich ganz allein die Zeilen zum Leben erwecke, den Figuren Gesichter verleihe, Landschaften kreiere und Flügelrauschen den Seiten entspringt und durch das Fenster hinaus leise verklingt.

Entflogen!.jpg

Jede Interpretation eines Buches gehört mir allein. Heute will ich nicht einmal mehr darüber reden. Ich will einfach nur ein neues.

So dankbar wie ich den Computerbildschirm heute für Recherche benutze, so lese ich nie auf dem Tablet. Nicht einmal im Zahnarzt Wartezimmer. Es ist für mich einfach das falsche Gefühl. Und der Geruch stimmt nicht.

Meine Bücher haben Knicke auf den Weiterleseseiten, Brüche im Rücken und abgenutzte Kanten. Markierte Stellen, Anmerkungen, Anstriche. Es sind Freunde, die mit mir alt werden. Und auch so aussehen dürfen.

Blöauer Engel.jpg

Gelesene Bücher bekommen je nach Wertschätzung einen festen Platz im Regal (wenige), einen „Weiß noch nicht“ Zwischenlagerplatz im Schlafzimmer, wandern in den Büchertauschschrank oder sogar in den Papierkorb. Und nein, ich trage nicht 15 kg Bücher zur Post für EUR 1,18 von Momox.

Ich kenne niemanden mehr, der Bücher aus Papier liest. Ich weiß, dass es sie gibt da draußen, die Papierleser. Leider kenne ich in meinem Umfeld niemanden mehr.

Wenn der Regalplatz bei mir wieder eng wird, werde ich im Schlafzimmer dekorative Stapel bauen, die nie jemand erfolgreich staubwischen kann. Das wird toll.

Stapel2.jpg

 

3 Antworten auf „Zehntausend fliegende Teppiche Hinterlasse einen Kommentar

  1. ein besonders schöner und in der zeit des flüchtigen internetzes bemerkenswerter beitrag, der mich persönlich sehr berührt, wegen ähnlicher, wenn auch anderer wege, einst und jetzt.

    in meiner lange orientierungslosen kindheit gab es zuhause keine gespräche und keine bücher, was mir bis heute ein rätsel bleibt, denn auch ich konnte früh lesen, merke es an alten schulzeugnissen, die einzig guten noten betrafen lesen, schreiben und zeichnen. der unterricht ab 1950 und später in einer aneren scule und klasse mit 3 jahrgängen, war minimalbildung, kann mich trotz phänomenalem langzeitgedächtnis nicht erinnern, wie ich früh lesen und schreiben lernte. seitens der mutter unvorstellbar, lernhilfe oder überhaupt, vorteil, bin weder erzogen noch bemuttert worden, dafür hatte ich früh die freiheit, mit eigenen augen SEHEN und verstehen zu lernen.
    in meinen zeugnissen stand regelmässig, „dietmar beteiligt sich nicht am unterricht, seine versetzung ist gefährdet.“ da weder aggressiv noch als verhaltensgestört kategorisiert, schaffte ich es ohne sitzenbleiben in der volksschule bis zur schulentlassung 1958.

    in einer sehr guten lehre kam ich zum ersten mal in berührung mit SPRACHE in literatur, eine frau in der lehrzeit schenkte mir ein kleines büchlein, das wohl zum auslöser meiner späteren obsession des lesens wurde ( im grossen bücherregal an markanter stelle ): Faust-Brevier, mit widmung: „Dem Dietmar“ von Ulla Küpper. ohne datum. dem folgten weitere, Der Kleine Prinz, das büchlein habe ich jahrzehnte später oft gekauft, um es zu verschenken.
    das intensive lesen von literatur ( Karl May gehörte nie dazu ) hat mir die augen geöffnet wie eine offenbarung und wurde entscheidend für meine wahrnehmung von WELT, die in meiner jugend nicht annähernd jener welt im öffnen von bisher verschlossenen türen in der SPRACHE des sozialen brennpunkts möglich gewesen wäre. habe trotzdem 3x studieren können, Kunst an der HfBK Berlin, 5 semester pädogogik in Köln, AfH, Uni – doch nur grafik-design in Düsseldorf mit examen abgeschlossen im januar 1971.

    zeitsprung
    im grossen regal stehen noch immer grosse teile der gelesenen bücher, vorwiegend aus der zeit meiner studienjahre, da bis dato kaum eine eigene wohnung, viele umzüge, also später hinzu gekaufte bücher, viele geschenkte kunstbücher, lexika, besonders die entscheidensten bücher der jugendzeit, allen voran KAFKA, eine geraume zeit HESSE, früh sogar Sartre, CAMUS habe ich erst vor einigen jahren wieder gelesen und war tief beeindruckt, einige andere verbinde ich mit der erinnerung an mein äusseres in der jugend, langer schal, baskenmütze, schwarze kleidung, war überzeugt, existenzialist zu sein. Thomas Mann, frühe erzählungen habe ich erst in den 90er jahren gelesen, nicht seine verfilmten standardwerke. die dicke sammlung der bücher von Nietzsche, dessen sprache mich nach wie vor beeindruckt, da komme ich nie durch, lese sporadisch, nie systematisch, blättere oder schlage zufällig eine seite auf. doch was man in der regel mit Nietzsche verbindet, ist nicht meine lesart. sah just am tablet in arte eine neue doku und die vereinnahmung seines ganzen werkes durch seine schwester. es wären noch viele zu nennen, Dostojewski, HEINE, FRISCH, BÖLL, Huxley, Orwell, Mary W. Shelleys Frankenstein und eine ältere phase zahlreicher science fiction und fantasy romane. keineswegs zu vergessen, GEDICHTE, Hans Magnus Enzensberger ( + Kursbücher ), Rilke, Morgenstern, Celan, u.v.a. – sammlung Grimms Märchen, Oscar Wilde, Andersen… bis Z – querbeet im regal auch einige nur wegen der schönen alten, antiken gebrauchsspuren, das mag ich besonders, kaufe jedoch seit jahren nur ausnahmsweise bücher hinzu, auf dem büchermarkt ist es eher ein trauriger anblick, wie bücher palettenweise verramscht werden.

    manchmal verschenke ich bücher, lege einige schöne kinderbücher am eingang, wenn ich zurück komme, sind sie immer alle weg. absolut tabu: bücher im papiercontainer entsorgen.

    VG dietmar

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: