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Über die Macht des Schreibens – eine ganz gewöhnliche Geschichte

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Dies ist eine Geschichte wie viele. Außer dass sie von Hunderten von Briefen begleitet ist.

Inge und Theo haben sich Briefe geschrieben. Viele Briefe. Liebesbriefe, die meisten. Bedenkenbriefe. Trauerbriefe. Zweifelbriefe. Problembriefe. Hoffnungsbriefe. Gedichtbriefe. Mimosenbriefe. Kussbriefe.

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Und ganz viele Hasenbriefe. Hasen kommen in jeder denkbaren Form und Größe vor. Immer in der Anrede. Die beiden waren eine lange Zeit, in der sie sich schon liebten, getrennt. Also schrieben sie Briefe. Und behielten das irgendwie auch bei, als sie dann zusammen lebten.

Das war nicht so einfach zu Anfang: das mit dem Zusammenleben. In diesem Brief bringt Theo den Ernst der Lage zur Sprache. Mit Maschine geschrieben dieses Mal. Es ging schließlich um Klarstellung. Inges Mutter zickt, Theo ist nicht gut genug. Inge ist hin- und her gerissen und verunsichert. Theo trumpft auf. Entscheidungen müssen her. Liebevoll stellt er sie vor die Wahl.

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Inges Mutter Anna war keine nette Frau, sondern ein böse Hexe. Der nie irgendetwas recht oder gut genug war. Die alles von anderen erwartete, nur nichts von sich selbst.  Bis zu ihrem Tod hat sie Inge gehetzt. Nacht für Nacht angerufen. Nie Ruhe gegeben. Annas Mann hat wahrscheinlich nur so lange gelebt, weil er als Brückenbauer so viel unterwegs war. Wenn er – nach zwei Kriegen und einem harten Leben, endlich in Rente mit seinen steifen Knochen – das Haus einmal verlassen wollte, brauchte Anna zehn Minuten, um ihn so anzuziehen, dass er ihrer Meinung nach das Haus auch verlassen konnte. Inges größter Vorsatz in ihrem Leben war, nie so zu werden wie ihre Mutter. Was für ein wundervolles Erbe.

Ola2.jpgTheos Vater Theodor lebte in besten Verhältnissen in einer Villa am Rhein. Mit einer wunderschönen Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Bubikopf und Hosen trug, ihre ganz eigenen Vorstellungen hatte und noch auf dem Sterbebett den Pfarrer aus dem Zimmer jagte. Theodor betete sie an.

Theos Leben war voll von Wärme, Kultur, schöner Dinge und Rheinkiesel. Bis ein Jahr vor Abschluss ihm Hitler sein Abiturzeugnis in die Hand drückte und ihn zum Soldaten machte. Die guten Verbindungen seines Vaters brachten ihn auf die Offiziersschule statt an die Front. Nur drei Tage war Theo als Copilot im Krieg, als er tief im Feindgebiet mit einer defekten Maschine landen musste. Dann war der Krieg zu Ende. Und Theo am falschen Ort. Fünf Jahre lang hackte er auf den Knien Kohle in einem russischen Bergwerk.

Zurück in der Heimat war die Mutter tot und der Vater hatte alles bis auf den letzten Pfennig verloren. Sie lebten in einem winzigen Ferienhäuschen an einem See und begannen, von Haus zu Haus ziehend, Staubsauger zu reparieren. Dazu benutzen sie oft die Bahn.

In der Bahn.jpgInge durfte zumindest eine Ausbildung auf der Handelsschule machen, um später tippen zu gehen. Eigentlich wollte sie studieren. Aber da stand wieder einmal Anna im Weg. Also arbeitete sich Inge zur Redakteurin in einer Lokalzeitung hoch, schrieb alles von Fußballberichterstattung bis zum Kummerkasten. Abends fuhr sie heim. Mit der Bahn.

So fing die Geschichte an. Die mit den Briefen. In der Bahn.

Bis hin zu Theos ernsten Worten schrieben sie ganz viele Briefe. Und danach noch mehr. Theo war als aufstrebender Staubsaugervertreter viel unterwegs. Eigentlich immer.

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Ich fand einen Brief von Inge an Theo vom Tag vor meiner Geburt. Und einen weiteren von einem Tag danach. Ich glaube nicht, dass Theo zu meiner Geburt da war.

Also eigentlich sollte mir das mit dem Briefeschreiben in die Wiege gelegt worden sein.

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Quellangabe: Das Bahnbild stammt aus einem 50er Jahre Werbefilm der Bundesbahn

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