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Von Amts wegen: Kanzleischrift und Judenlettern

Aus meiner Miniserie „Handschriften“

Die Geschichte der deutschen Schrift ist spannend, aber durchaus kompliziert, weil ungeheuer wechselhaft und keineswegs gradlinig.  Ich versuche, mich auf ein paar Eckpunkte zu beschränken. Aber die Geschichte ist einfach zu gut, um nicht erzählt zu werden.

Die heute an den Schulen gelehrte Schrift, die die meisten von uns gelernt haben, ist noch gar nicht alt. Überhaupt wird erst seit 1934 an den Schulen eine  einheitliche Handschrift gelehrt.  Aber natürlich benötigte man bereits lange vorher, vor den Zeiten von Druckschriften und Schreibmaschinen, eine Schrift für Dokumente.

Die deutsche Kanzleischrift nahm innerhalb der Kurrentschrift eine Sonderstellung ein. Sie wurde bis ins 19 Jahrhundert hinein als Schrift für amtliche, handgeschriebene Schriftstücke eingesetzt.

Wir würden sie sicher heute als „Schönschrift“ beschreiben, sie hat mit den großzügigen Anfangslettern und großen Bögen sicherlich kalligraphische Anklänge. Speziell dafür wurden in den Kanzleien und Amtsstuben Schreiber beschäftigt.

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Hier sind mir zwei schöne Exemplare in die Hand gefallen – mit Brief und Siegel.
Adressiert an den Herrn Obergerichtsvorsteher zu Weltenrod. Datum 31. Oktober 1903.

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In dem Schreiben geht es zum die Bitte zur Einrichtung eines Gerichtstages in der Gemeinde Struth und Welterod, die aber abschlägig beschieden wird.

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Zu kompliziert
Das Ende der Kanzlei- und der Kurrentschrift begann mit dem Einsatz von Stahlfedern an Stelle von Vogelfedern. Sütterlin war der Versuch, die Kurrentschrift dieser Feder anzupassen und die Schrift vor allem für Schulanfänger zu vereinfachen. In den 1920er Jahren löste die Sütterlinschrift die Kurrentschrift in preußischen Schulen komplett ab.

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Die sogenannte Verkehrschrift vereinheitlicht 1934 endgültig die Schriftlehre in allen Ländern. Sie bereinigte die Sütterlinschrift noch einmal um etliche Schnörkel und Kringel und war die erste breit eingesetzte und gelehrte Handschrift.

Hitler und die Judenlettern
Im Druckbereich wurde derweil zwei Schriften eingesetzt. Die gebrochene Schrift, die Fraktura, sowie die Antiqua, die vor allem auch im europäischen Ausland und für lateinische Texte verwendet wurde. So wurden z.B. Martin Luthers 95 Thesen in der Antiqua gesetzt, seine Lutherbibel aber in der gebrochenen Schwabacher Schrift.

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Mit einer unsinnigen und falschen Begründung fällte Hitler am 3. Januar 1941 eine keinen Widerspruch duldende Entscheidung: Die gotischen Schriften seien sämtlich zugunsten der „Normal-Schrift“ aufzugeben.

Reichsleiter Martin Bormann bestimmte im Auftrag von Hitler:

„Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern. Am heutigen Tage hat der Führer in einer Besprechung mit Herrn Reichsleiter Amann und Herrn Buchdruckereibesitzer Adolf Müller entschieden, dass die Antiqua-Schrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei. Nach und nach sollen sämtliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden. Sobald dies schulbuchmässig möglich ist, wird in den Dorfschulen und Volksschulen nur mehr die Normal-Schrift gelehrt werden. Die Verwendung der Schwabacher Judenlettern durch Behörden wird künftig unterbleiben; Ernennungsurkunden für Beamte, Straßenschilder u. dergl. werden künftig nur mehr in Normal-Schrift gefertigt werden. Im Auftrage des Führers wird Herr Reichsleiter Amann zunächst jene Zeitungen und Zeitschriften, die bereits eine Auslandsverbreitung haben, oder deren Auslandsverbreitung erwünscht ist, auf Normal-Schrift umstellen.“

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Das Durcheinander war perfekt. Weder ließen sich alle Druckerzeugnisse einfach umstellen, noch stieg eine gesamte Erwachsenengeneration so einfach um.  Meine Mutter muss so 1933 in die Schule gekommen sein und lernte natürlich Sütterlin. Später auf der Handelsschule war sie gezwungen lateinisch zu schreiben. Die Ausbildung einer Handschrift war unter diesen Umständen extrem schwierig.

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Bei dieser Handschrift von Rudolf, die zwar ausgeprägte Eigenheiten aufweist, haben wir mit der Lesbarkeit keine Probleme mehr.

Da wären wir nun.

Bei WhatsApp, SMS und E-Mail mit Spracherkennung. Und automatischen Rechtschreibprüfungen. Da ich beruflich getextet habe, war ich gezwungen, mich mit allen Rechtschreibreformen immer auseinanderzusetzen. Meine Handschrift habe ich erst im Rahmen meines kleinen Handschrift Projektes hier wieder eingesetzt. Und ich versuche, jeden zweiten Tag einen Text zu schreiben und wieder eine eigene Handschrift zu entwickeln.

Was mich daran am meisten bestürzt: das, was man da zu Papier bringt, ist so endgültig. Keine „Zurück“ und keine „Entf“ Taste. Da muss man tatsächlich sorgfältig drüber nachdenken – vorher!

 

 

 

 

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