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Karl, Transkribus, die Butter und die Schlacht an der Somme

Wo fange ich diese Geschichte nur an?

Vielleicht mit dem Original, das mich zu dieser Geschichte geführt hat. Irgendwo, irgendwann, ziemlich sicher auf einem Flohmarkt, fielen mir diese Briefe von Karl an seine Mutter in die Hand. Datum: April und November 1916.

CV4A.jpgEntziffern konnte ich sie nicht. Obwohl ich inzwischen ganz gut in der Lage bin Kurrentschrift in ganzen Wörtern zu erkennen (das liegt an der Ganzheitsmethode, mit der ich Lesen lernte. Willkommen im Club, wer sich daran erinnert) und mit Hilfe einer Alphabet-Tabelle zu transkribieren, kam ich bei Karl kein Stück weiter. Mal wieder die berühmte „Sauklaue“.

Wer war Karl?
Es juckte mich aber in den Fingern. Wer war Karl? Er schrieb auf Deutsch auf den abgelaufenen Rechnungsformularen einer „mechanischen“ Stickerei in Beaurevoir, Aisne, Frankreich. Und das im November 1916!

Im November endete die Schlacht an der Somme. Die Schlacht begann im Juli 1916: eine Offensive von britischen und französischen Truppen gegen deutsche Stellungen. Sie endete im November 1916 mit über einer Million getöteten, verwundeten und vermissten Soldaten. Und war damit die verlustreichste Schlacht der Westfront während des Ersten Weltkriegs. Das alles fand nicht mehr als 50 km entfernt von Beaurevoir statt, dem Sitz der Stickerei.

In der Mitte vom Nichts
Nun wird in Karls Briefen immer wieder ein Ort namens „Batelt“ erwähnt. Ca. zwei Stunden Recherche später identifizierte ich das als Le Catele im Departement Aisne. Nicht weit weg von dem Schauplätzen der Somme Schlacht. Einwohner damals wie heute unter 200 Seelen. Mit einem Fort aus dem Jahr 1520. Das folgende Bild zeigt deutsche Krankenwagen im September 1918 vor dem Fort in Le Catele.

Le CAtelet.jpgBildquelle Australian War Museum: La Catele

War Karl ein deutscher Soldat? Grübeln über seine Handschrift führte nur zu Kopfschmerzen.

Und Transkribus?
Und dann entdeckte ich Transkribus. Transkribus ist ein europäisches Projekt, das sich um die automatische Erkennung und Transskribierung von Handschriften kümmert: für Wissenschaftler, Studenten, Historiker und alle, die mit historischen, handgeschriebenen Dokumenten zu tun haben.

Die Testversion dieser Software steht zum Download zur Verfügung, ist nicht ganz einfach in der Handhabung, funktioniert aber sehr gut. Und hat ein Programm für Kurrentschrift!

Beaurevoir2.jpg

Mit Karls Handschrift hatte allerdings auch das Programm seine Mühe. Dennoch hatte ich noch 6 Seiten Scans von 3 Briefen eine Vorstellung, um was es in Karls Briefen ging. Und zwar ausschließlich. Um Essen.

Hunger
Da geht es um neue Verordnungen. Um Bauern und Kühe. Um Äpfel und Honig. Um Butter und Eier. Um Lebensmittelkarten. Immer wieder. Und um Zeitungsmeldungen zu diesem Thema. Und wie die Leute mit der neuen Situation zum Thema Lebensmittelbeschaffung umgehen. Und ob er Essen schicken kann. Oder Geld dafür. Was er alles nicht mehr auftreiben kann. Und wie es schlimmer wird.

Kein Wort über Schlachtengetümmel oder Soldaten. Nur über Essen. Hier ist der Hunger viel näher und bedrohlicher als der Tod durch die Schlacht. Wir sind mitten im sogenannten „Kohlrübenwinter“, der auf den „Schweinemord“ folgte. Da man schon 1915 die zur Schweinemast benötigten Kartoffel- und Getreidebestände dringend zur Versorgung der Bevölkerung einsetzen musste, wurde die Schlachtung von fünf Millionen Schweinen angeordnet. Dann – ein paar Monate später – gingen auch die Kartoffeln aus. Im Winter 1916/17 standen nur noch Rüben standen auf den Lebensmittelkarten.

Rübenkarte.jpgStadt Erfurt/Wikimedia

Schriften und ihre Geschichte.
Verlassen wir Karl. Dies ist ein Artikel in der Miniserie über Handschriften. An Karls Briefen fällt auch auf, dass das französische Rechnungsformular für das Jahrzehnt 190.. als Schreibschrift die lateinische Schrift verwendet. Die wurde seit dem 16. Jahrhundert in Europa weitgehend eingesetzt. Deutschland setzte dagegen auf die Deutsche Kanzlei- und Kurrentschrift als Schreibschrift. Zu deren Entwicklung lässt sich noch eine Menge sagen. Beim nächsten Mal.

CV2A.jpg

Heute habe ich einem Unbekannten namens Karl ein winziges Denkmal gesetzt. Einem Soldaten. Einem Sohn. Einem, der Hunger hatte. In irgendeiner Kiste auf einem Flohmarkt fand ich seine Briefe. Die seine Mutter aufbewahrt hatte. Und dann vielleicht eines ihrer Kinder. Das diesen Krieg überlebte. Und den nächsten. Und dann waren es vielleicht Karls Enkel. Irgendwann gingen diese Briefe verloren. Karl hätte mein Großvater sein können.

Diese Spurensuche war eine seltsam berührende und am Ende zutiefst befriedigende Erfahrung. Es war, als hätte man eines der tausend und abertausend losen Enden der Geschichte eingefangen, für einen Moment in Händen gehalten und es dann an seinen Platz gesetzt im Gewebe der Zeit und im Chaos der Universums. Und jetzt ist es gut.

 

 

 

 

 

 

 

5 Antworten auf „Karl, Transkribus, die Butter und die Schlacht an der Somme Hinterlasse einen Kommentar

  1. eine berührende Recherche. Der Hunger ist der viel zu wenig beachtete Aspekt des Krieges. In Athen, wo ich lebe, sind im ersten Winter der deutschen Besatzung die Menschen verhungert. Dicke Bäuche und dann umgefallen. Tausende und tausende. – In früheren Kriegen war das Aushungern eine Kriegstechnik. Leningrad hielt stand – aber wie? Und jetzt? Yemen, als eines von vielen.

    • Meine Großmutter hat beide großen Kriege erlebt und gesagt, der Hunger im ersten wäre am allerschlimmsten gewesen. Deutschland hat bei Kriegsbeginn fast 40 Prozent seiner Lebensmittel importiert. Schon keine gute Grundlage, um mit seinen Nachbarn einen langfristigen Streit anzufangen. Manchmal kann ich es gar nicht fassen, was für ein Glück ich in meiner Lebensspanne habe, keinen Krieg gesehen zu haben und immer alles zum Leben, nicht nur zum Überleben gehabt zu haben.

  2. Danke für die interessante Spurensuche. Ich besitze Feldpostbriefe meines Großvaters aus dem Zweiten Weltkrieg, von hinter der Front in Frankreich. In denen geht es auch ganz überwiegend um Fragen der Beschaffung von Nahrung und Kleidung und deren Versand.

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