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Weihnachten bizarr…

„Och bitte“, quengele ich, „nur einmal… Is doch bald Weihnachten… Wir müssen ja nicht auf son großen“ …. Ich habe die beste Version meiner „ist das nicht romantisch“ Stimme aufgesetzt. Und rede natürlich vom Weihnachtsmarkt. „Neee“, stöhnt der meine, „das is doch immer das Gleiche.. und überhaupt haben wir noch nichts gegessen“…  „Siehst du“, kontere ich, „das letzte Mal gab es diese leckere Wildbratwurst“. Er verdreht die Augen: „Ich meinte richtiges Essen“.  „Ach komm schon, nur ganz kurz..“ Er stellt auf Audio um und quält sich unter tiefen, zu Herzen gehenden Seufzern in Schuhe und Jacke. Glücklich lächelnd öffne ich die Haustür. Er bleibt abrupt stehen: „Es regnet“, vermeldet er ungläubig. „Na so was. Dann lassen wir die Hunde eben daheim. Die müssen nicht mit“. Er schaut mich an, als wäre ich gerade irgendwo verbotenerweise entflohen, dann überzieht sein Gesicht ein Ausdruck tiefer Hoffnungslosigkeit.

Der Regen legt munter zu, während wir das vierte Mal um die kleine Altstadt kreisen. Klar, hier sind seit Stunden keine Parkplätze zu finden.  Als wir nach 30 Minuten ca. 20 Minuten vom Marktplatz entfernt auf dem Parkplatz eines Restaurants landen vor dem ein Schild verkündet:  Hier nicht parken. Wir renovieren. Wiedereröffnung August 2012  (so ist das mit den Plänen), tröpfelt es zum Glück nur noch. Ein straffer Marsch bringt uns bald in Kontakt mit einer abwandernden Menschenmenge. „Du, das ist bestimmt gerade zu Ende“ – hoffnungsfroh. „Ach was, doch nicht um diese Uhrzeit, die hat nur der Regen vertrieben.“  Zu Recht.

Wir fallen über den Kabelstrang des Kinderkarussells, das sich mit Pferden, Delfinen und Elefanten zu „Stille Nacht, heilige Nacht“ dreht. Zwei verfröstelte kleine Gestalten klammern sich mit Entsetzen im Gesicht an die Stange der Prinzessinnenkutsche. „Haltet euch gut fest“, der junge Vater versucht Schritt zu halten und – Überraschung – stolpert über das Kabel und schlägt lang hin.  „O Gott, Günther“, Prinzessinnenmama bekommt die Panik und die Prinzessinnen sind für den Augenblick auf sich allein gestellt. Der dicke 8-Jährige mit Weihnachtsmannmütze hat sich das Pferd vorgenommen. „Sti-i-ill-ee – Yippeee, hei-ei-lige – Yippeee“, tönt es, während er an der Stange zerrt und versucht, das Pferd aus der Verankerung zu reißen.  Wir tauchen nun tief ein in den wohlbekannten Duft- Mix aus gebratenen Champignons, Nierenspießen, Bienenwachskerzen und selbstgemachten Seifen. Heimelig. Wie schön, sie alle wiederzusehen. Den mit der in den Nacken gerutschten Pudelmütze, der sich gerade noch am Stehtisch aufrecht hält, die überschminkten 16-Jährigen am Stand der Freiwilligen Feuerwehr, den händeschüttelnden Bürgermeister, der nebenbei mit Friseurmeister Bommers Gemahlin schäkert…

Die handgemalten Poster – durch über 100% Luftfeuchtigkeit nicht mehr ganz so gut entzifferbar- verkünden den Chor der Marta-Lindenfels-Schule für 17.00 Uhr und ein Bläser Solo für 17.30 Uhr. Noch Zeit… Wir wandern an der noch leeren Bühne und den mit Engelhaar geschmückten Brunnenputten vorbei  dorfauswärts.  Ahh, endlich. Der Stand mit dem Keltenschmuck und den Drachen- und Engelsfiguren. Gipsi Figuri, nannte mein Vater sie immer. Aus welchem Material sie heutzutage sein mögen – unzerbrechlich sind sie nicht. Das geht zumindest aus den Verhandlungen hervor, die die Mutter des ungelenken Unglücksrabenkindes mit der Besitzerin des Standes über den Wert des abgebrochenen Drachenohres eines mittelgroßen albern lächelnden Drachens in kackdrachengrün führt. Nun haben sie zu Weihnachten einen schmutzgrünen Drachen ohne Ohr. Unter den Baum kommt der bestimmt nicht.

Am Marktende, kurz vor dem Busbahnhof vor der Martha-Lindenfels-Schule eine Neuerung:. Mehrere Textilhändler mit Migrationshintergrund. „Guck mal,  Mami“, ruft der Teenager, „die waren auch auf dem Parkplatz vom Möbelhaus letzten Sonntag“. Recht hat sie. Ich kann es bezeugen. Dieselben Plastiksporthosen, die Vintage-Rüschenblusen, markige Sweater, deren Nähte Fäden ziehen… Die Kleine kaut unzufrieden auf ihrer Unterlippe: „Die haben ja gar nichts in Pink“. Haben sie nicht. Recht hat sie. „Und die Mützen kratzen“. Recht hat sie auch am nächsten Stand.

Es krächzt aus der Ferne aus den rund um den Marktplatz aufgehängten Lautsprechern. Auf zu neuen Attraktionen.  Als wir uns durch die Menge schieben, die ihre iPhones reckt wie bei einem Popkonzert, entdecken wir einen Haufen Zwerge in unförmigen Daunenjacken und mit Mütze, die mühsam die offene Treppe zur Bühne erklimmen. Nach minutenlangem Gewusel schälen sich zwei Reihen aufgeregter Gesichter heraus, die von mutig über trotzig bis panisch auf uns herunterstarren. Mit Getöse versuchen einige Erwachsenen die bereits angestellten Mikrofone auf Zwergenhöhe nieder zu machen.  Der Lautsprecher neben der Bühne explodiert geradezu mit einem kakophonischen Mix aus zwitschernden Zwergenorganen und Techniksound. Die Menge weicht erschrocken zurück. Einige iPhones verlieren an Höhe. Nun erklimmt eine große Zwergin mit Riesen- Uggs die Treppe zur Bühne, echt trollmäßig. Sie baut sich vor der Zwergentruppe auf und hebt die Hände. Das hätte sie nicht tun sollen. Die Spannung kann auf den echten Einsatz nicht länger warten…“ Sti-hi-lle Naaach.. Quietsch, sterb….Brabbel… „Mann jetzt doch noch nicht, du Pups“ tönt es aus den Lautsprechern, als die Dicke in der Mitte dem kopfkleineren Jungen neben ihr anständig eine langt. Hat sie wirklich Pups gesagt? Sagt man das noch? Wahrscheinlich hab ich mich verhört und sie meinte Pu..??, Pu..?, Pumuckl????? Mir fällt kein Vorname ein. Inzwischen haben sich nach 4 bis  7 Takten Verzweiflung die Stärksten durchgesetzt und wir sind bei  „einsam wacht“ angekommen. Wir beschließen auf das Bläser Solo zu verzichten.

Schweigend durch Pfützen stampfend kehren wir zu unserem Auto und dem unrenovierten Restaurant zurück. Schön war’s. Wie jedes Jahr. War es das? Im warmen Gebläse der Autoheizung langsam trocknend überlege ich mir ganz kurz, ob ich nicht den Vorschlag machen sollte, noch mal eben in den Kunsthandwerkermarkt im Dorfgemeinschaftshaus reinzuschauen… Ein Blick auf das finstere Profil neben mir belehrt mich eines Besseren. Und irgendwie fühle ich mich auch schuldig. Also lade ich ihn lieber zum Essen ein. In ein Restaurant, das seine Renovierungspläne eingehalten hat, mit einem luxuriösen Parkplatz vor der Tür und äußerst dezenter Weihnachtsmusik ganz im Hintergrund. Hier ist der Wein kühl und trocken und die Entenbrust sorgsam vom Bratfett befreit, bevor sie großzügig auf dem frischen Salat verteilt und mit einem Hauch von Balsamico geschmacksverstärkt wurde. Die Weihnachtsdeko besteht aus einer einzigen weißen Kerze mit roter Schleife und einem Mini Tannenzweig. Wir schieben das Arrangement sanft aus dem Blickfeld. Aber nicht zu weit.

So mag ich die Weihnachtsidee:  als Hinweis, als Möglichkeit, als Anstoß. Jedem die Freiheit lassend, dass daraus zu machen, was er in seinem Kopf und seinem Herzen dazu findet. Vielleicht jedes Jahr etwas anderes.  Die nächsten Jahre hat Weihnachtsmarkt bei mir Pause.

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