Wenn es draußen zu früh dunkel wird, beim Schein der Kerzen, vor dem Kaminfeuer – da erzählte man sich früher Märchen, spann das feine Garn einer Geschichte oder gab alte Sagen an die folgende Generationen weiter…

Warum nicht den Fernseher auslassen, die Musik herunterdrehen und dem Klang einer Stimme lauschen, die eine Geschichte erzählt. Vielleicht eine nicht ganz aus dieser Zeit oder Welt…

Die Hexe und der Fischer

Es regnete. Die Hexe stand auf ihrem Lieblingsplatz unter der riesigen Buche auf dem Kamm des Berges. Von hier oben lag ihr ihre ganze Welt zu Füßen: das sanfte geschwungene Tal, in dem dort, wo der Wald den Hügel hinaufzuwachsen begann, ihre Hütte stand. Die Nebellichtung, auf der seltene Kräuter wuchsen und wo sich in der Abenddämmerung im Schutze des aufziehenden Dunstes seltsame Gestalten zu einer unhörbaren Musik zu drehen schienen. Den Feuerhügel, auf dem sich Jahr um Jahr alle die zum Tanze trafen, die sich unbedingt dem Leben verschrieben hatten. Und in der Ferne lag bleigrau das schweigende Meer.

Die Hexe nieste. Zeit, hier zu verschwinden, dachte sie, während sie die Feuchtigkeit aus dem Tuch wand, mit dem sie – völlig vergeblich – versucht hatte, ihre Locken vor den rinnenden Regen zu schützen.

Tatsächlich ist es nämlich so, dass auch Hexen sich ganz fürchterlich erkälten können. Es gibt eben Dinge, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Und überhaupt sind natürlich die meisten Geschichten, die man sich über Hexen erzählt, frei erfunden. Überwiegend unterscheiden sich Hexen kein Stück von ihren Mitmenschen.  Sicherlich – hier und da hexten sie eben ein bisschen. Das war es nun mal, was sie sich ausgesucht hatten zu tun. Irgendjemand hatte dem kleinen Mädchen den Wunsch dazu in die Wiege gelegt oder es waren Frauen, deren Vorstellungen über das Lebendigsein keinen Platz gefunden hatten in der Welt, in die sie hineingeboren worden waren.

Auch unsere Hexe hatte sich der unbedingten Hingabe an das Leben verschrieben, denn das war einfach die Voraussetzung fürs Hexen. Sie kannte sich ein wenig aus in der Kunst zu heilen, zog in ihrem Garten nützliche Kräuter und braute hin und wieder abenteuerliche Tränke. Aber das war es nicht, weshalb die Menschen zu ihr kamen. Sie riefen sie zu ihren ungebärdigen Pferden und die Hexe flüsterte den Tieren geheimnisvolle Worte ins Ohr, bevor sie sich mit dem Besitzer beschäftigte und ihm klar machte, dass das Pferd nie ruhig vor dem Karren gehen würde, wenn er es so dicht anschirrte, dass ihm die Deichsel in jeder Kurve in die Hinterbeine schlug. Sie baten sie um Hilfe beim Bauen der Brunnen und die Hexe fand die Stelle, an der das Wasser nahe der Erdoberfläche verlief. Die Menschen kamen zu ihr mit ihren kleinen Leiden und sie sorgte für einen ruhigeren Schlaf oder stillte den Schmerz. Aber die meisten,  die Hilfe suchten bei der Hexe, litten unter dem Leben selbst. Dann – entfachte die Hexe das große Feuer in der Mitte ihrer Hütte unter dem großen Kessel. Zog zwei bequeme Hocker in die Wärme und den Lichtschein der Flammen und brachte die Menschen zum Reden. Ab und zu warf sie eine Hand voll Kräuter mit beruhigendem Duft in den Trank, der in dem großen Kessel still vor sich hin dampfte. Und irgendwann verließen sie die Menschen wieder: getröstet, weil sie nicht länger allein sein mussten mit ihren Zweifeln und gewärmt durch den Hexentrank, der überwiegend aus guten Honigwein mit einer Prise Ingwer bestand. Es schmerzte die Hexe jedes Mal ein klein wenig, wenn sie davon weggeben musste. Denn auch Hexen brauchen an manchen dunklen Abenden Trost….

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