„Sehnsucht“ tippe ich in die SMS, die ich mittags an meinen Geliebten schicke. Warum? Weil es sich genau so anfühlt.  Genau so? Wie was? Habe ich ein akutes Bedürfnis nach seiner Nähe? Seiner Stimme?  Seiner Berührung?  Hmm, das alles wäre gerade im Moment eigentlich nicht so passend. Dennoch ist es da: dieses ziehende, zerrende, süße, leicht ins Schmerzliche gehende Gefühl… Sehnsucht eben… In diesem Fall ein schönes Gefühl, aber ist Sehnsucht immer schön? Bittersüß?

Nachschlagen! Aber irgendwie helfen auch die großen Philosophen nicht weiter. Und auch nicht Wikipedia. Niemand definiert zum Beispiel endgültig, ob man sich nach etwas sehnen kann, das man überhaupt nicht kennt.  Habt ihr euch schon mal nach etwas Unbekanntem gesehnt?

Da gibt es die „Todessehnsucht“. Ganz offensichtlich eine Sehnsucht nach etwas Unbekanntem. Aber wenn ihr mal ganz genau überlegt – sind es nicht meist Sehnsüchte nach Dingen, Menschen, Ereignissen, die man einmal hatte oder kannte  oder erlebte?  Und auch die romantisch beschworene Sehnsucht nach der Geliebten, die es noch nicht ist – ist das nicht eher ein Wunsch, basierend auf der Sehnsucht nach der bereits bekannten Nähe, hinter der man sich endloses Potenzial erträumt?

Wenn Sehnsucht und Wunsch sich also unterscheiden, vielleicht in dem Bittersüßen, wie profan kann Sehnsucht dann überhaupt sein? Kann man sich z.B. nach einem Urlaub am Strand sehnen? Oder nach einem neuen Outfit in bleu oder Turnschuhen mit Blümchen? Gibt es große und kleine Sehnsüchte?

Und wie unterscheiden sich dann Bedürfnisse und Sehnsüchte? Kann  man sich nach Grundbedürfnissen sehnen, die – lt. Maslowscher Pyramide – z.B. auch Geborgenheit und Anerkennung umfassen? Kann man sich nach Anerkennung sehnen, wenn man sie nie empfangen hat? Das wäre dann doch wieder eine Sehnsucht nach dem Unbekannten. Wenn ich mich heute ab und zu nach Geborgenheit sehne, so kann ich das, weil ich sie kenne.  Ich wurde in einer tollen Familie groß.  Heute lebe ich allein. Momente der Geborgenheit empfinde ich selten.  Und deshalb sehne ich mich ab und zu danach. An wen ich die Sehnsuchts-SMS schickte? Nun, an jemanden, der unser Beisammensein neulich zutreffend als Verhältnis und nicht als Beziehung beschrieb. Es war wohl mehr um des Bittersüßen willens. Eine kleine Sehnsucht sozusagen?

Warum setzen wir uns nicht fünf Minuten hin und finden heraus, nach was wir uns wirklich sehnen. Und sortieren dabei aus, was ein Wunsch oder vielleicht ein Grundbedürfnis ist. Und dann finden wir vielleicht  heraus, wie sich das wirklich anfühlt und was das ist – die Sehnsucht. Schauen wir mal…

Einmal noch im meinem biblischen Alter mit meinem Pferd im großen Sport erfolgreich sein… Eindeutig ein Wunsch. Oder ein Ziel. Auf keinen Fall Sehnsucht.

Nach Hause kommen. Kennt ihr das? Da hat man endlich drei Wochen Urlaub und so am Ende der zweiten Woche fängt irgendwas an, an uns zu zupfen. Wir wollen „nach Haus“. Dann stellt man sich diesen Augenblick vor, in dem man die Tür aufschließt und alles wieder in Besitz nimmt. Die Augenfreuen sich über das Lieblingsbild und Hände streichen heimlich über das schöne Holz des Küchentresens. Ein Grundbedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit? Ja, vielleicht auch, aber da ist mehr dran. Ich finde, eine kleine Sehnsucht.

Afrika! Mit Afrika meine ich natürlich nicht diesen ganzen wirren Kontinent, sondern „mein Afrika“. Das liegt irgendwo in der Einsamkeit zwischen dem mondbeschienenen Rand eines Kraters mitten im Massailand, dem Fundort von Leakeys homo erectus, dem Flussufer des schimmernden Sambesis, wo Nyaminyami darüber wacht, dass der Elefantenbulle das Küchenzelt nicht völlig zertrampelt und den Schiffswracks an der Skeleton Coast. Ich finde, es ist eine Sehnsucht, wenn der Einstiegssatz des Films „Jenseits von Afrika“! mir unweigerlich die Tränen in die Augen treibt: Ich hatte eine Farm in Afrika… Selbst der Tonfall des Synchronsprechers ist pure Sehnsucht. Ich kann mein Afrika riechen und es auf der Zunge schmecken. Wie toll… Eindeutig eine Sehnsucht. Bittersüß.

Ich vermisse dich, mein Bruder. Da gab es diesen einen Menschen. Dem man so nahe war. Mit dem so vieles im Leben geteilt hat. Der dich so verstanden hat wie kein anderer. Ein Bruder, ein Geliebter, ein Freund…  Den Kontakt verloren. Immer wussten wir, dass er da war. Wir konnten ihn spüren. In uns. Als ein Teil unserer Lebenskraft. Nun ist er gegangen. Still. Ohne sich zu verabschieden. Jetzt ist da nur Leere. Ihn noch einmal ansehen dürfen, sein Gesicht in den Händen halten… Sehnsucht? Nein. Bedauern. Trauer. Nicht nur mein Kopf, auch mein Herz hat verstanden, dass dies unwiederbringlich ist. Keine Sehnsucht. Ein Gefühl der Dankbarkeit, dass ich dies erleben durfte. Aber auch bittersüß.

Hier ist noch eine Sehnsucht. „Ein Sehnen, das sich niemals stillt…“ Ein wundervolles Sehnen.  Dem wir uns hingeben sollten.  Und ein Kniefall vor diesem Dichter, dem es gegeben war, die Worte so zu setzen, dass wir sie fühlen.

Ich lieb ein pulsierendes Leben,
das prickelt und schwellet und quillt,
ein ewiges Senken und Heben,
ein Sehnen, das niemals sich stillt.

Ein stetiges Wogen und Wagen
auf schwanker, gefährlicher Bahn,
von den Wellen des Glückes getragen
im leichten, gebrechlichen Kahn …

Und senkt einst die Göttin die Waage,
zerreißt sie, was mild sie gewebt, –
ich schließe die Augen und sage:
Ich habe geliebt und gelebt!

Rainer Maria Rilke, Prag um 1894

Eine Liebe, eine Sehnsucht, eine Liebe?