Ich bin ein Spinner. Und ganz schön versponnen. Deshalb habe ich mir ein altes Haus gekauft. Weil ich nie schlau werde. Nicht in diesem Leben. Und immer wieder Dinge tue, weil sie sich gut anfühlen und richtig und nicht, weil meine Bewertungsdiagramm das auswertungstechnisch zwingend vorschlägt.

Und weil Niedrigenergiehäuser mich irgendwie einfach nicht anmachen. Ebenso wenig wie Neubausiedlungen.

Also habe ich mir vor ein paar Jahren ganz ohne Bewertungsdiagramm ein über 200 Jahre altes Fachwerkhaus mit Geschichte gekauft.  Mit alter knarrender Eichentreppe, auf der des Nachts die Geister unterwegs sind. Ich höre die Stimmen spielender Kinder, das vorwurfsvolle Schimpfen einer alten Frau und die trotzige, sehnsuchtsvolle Stimme eines jungen Mannes, der keine Ruhe findet. Ich habe ihre Geschichte geschrieben, um sie zu besänftigen, aber sie wollen nicht weichen. Dies ist auch ihr Zuhause, ich werde es teilen müssen.

Wie Generationen von Frauen vor mir knie ich auf den Stufen der alten Eichentreppe, um sie zu ölen und dem Holz seinen warmen Glanz zurückzugeben. Auf dass ihm die Hundepfoten nichts mehr anhaben können.  Auch ich bin jetzt hier zuhause, ich wurde aufgenommen in die Gemeinschaft der Menschen, die hier beteten, lebten, arbeiteten und liebten.  Hier bin ich nie allein.

Der Dorfhistoriker meint, der niedrige Gewölbekeller sei noch viel älter als das Haus.  Irgendwann aus dem 17. Jahrhundert.  Auf den Überresten des abgerannten Gehöftes hat dann vor über 200 Jahren die kleine jüdische Gemeinde der Region ein Fachwerkhaus erbaut  – als Synagoge, als einen Ort des Betens und des Lernens.  Ich konnte nicht herausfinden, was während des Krieges geschah, als auch hier die Juden vertrieben wurden. Nach dem Krieg verkaufte die jüdische Gemeinde es als Wohnhaus.  Etliche Historiker aus Israel haben seitdem im alten Gewölbekeller nach der Mikwe, dem rituellen Bad gesucht.  Gefunden hat niemand etwas.

Dieses Haus hat zu mir gesprochen – von Anfang an. Die Wände wisperten mir von den Träumen seiner Bewohner und wie Tentakel griffen Bruchstücke seiner Geschichte nach meinem Geist.  Bereits bei der ersten Besichtigung fand ich einige hundert Meter entfernt den alten, jüdischen Friedhof unter den großen Bäumen am Waldrand gegenüber. Ein Ort voll des flirrenden Lichts, glitzernder Spinnweben, tausender Waldblumen und einer ungeheuren Stille.

Ich verzichtete auf den Bausachverständigen – und wurde belohnt mit durchgefaulten Grundbalken, nassen Wänden und Lochfraß in den Leitungen. Ich spinne halt!  Es gibt in diesem Haus keine gerade Linie oder Fläche. Gardinenstangen kann man entweder parallel zur Decke oder zum Fenster hängen – beides geht nicht. Es gibt tückische kleine Absätze im Boden von Zimmer zu Zimmer, alle Decken sind unterschiedlich hoch.  Von einigen Böden habe ich vier! Lagen Bodenbelag entfernt, bevor ich auf den alten Holzboden stieß. Die Heißwasserleitungen laufen auf Putz, über die Fenster schweigen wir. Ich habe es behutsam renoviert, nur ein wenig. Ich habe es mit alten Lieblingsstücken und moderner Kunst gefüllt. Und mit den Bildern meiner Ahnen. In meiner Cowboydiele hängen die Lassos und die Chinks meiner Viehtriebe. Die Küche ist bis zur Decke voll mit alten Zwiebelmuster Spruchbrettern, Dosen, Töpfen… Von  meinem Platz am Schreibtisch sehe ich auf die verwinkelten Giebel und roten Ziegeldächer des alten Dorfkerns. Dahinter steigt der Wald die Hügel bis zum Himmel empor.

Ich wohne hier nicht, ich lebe hier. Es ist ein Zuhause. Es war ein Zuhause für alle Menschen, die vor mir darin lebten. Menschen, betende, singende, streitende, lachende, sterbende und schreiende, liebende und träumende, gaben ihm seine Aura. Vielleicht lag es an den vielen Betern und Gebeten,  dass das Haus eines Tages begann, etwas an seine Bewohner zurückzugeben.

Als ich jünger war, träumte ich von weiten Lofts im Industriestil mit japanischer Minimaleinrichtung. Jetzt träumt dieses Haus mich. Mit den vielen kleinen Fenstern, die die Sonnenstrahlen fangen und den ganzen Tag lang überall kleine Feuer entzünden, die sich spiegeln in Silber, Bronze, altem Glas und poliertem Holz. Versponnen….

Hier kann man Geschichten schreiben, spinnen, träumen. Von  hier geht man fort, um wiederzukehren. Es ist nicht einmal ein schönes Haus. Man kann es schön einrichten. Aber seine ungeheure Anziehungskraft besteht aus seiner Atmosphäre. Um sie zu spüren und sich daran zu bereichern, muss man wahrscheinlich ein Spinner sein. So einer wie ich.