Dieser Artikel ist über Tiere und Menschen, über Gemeinden und Steuern, über eine Liebe und einen Kampf, über Persönlichkeitsbildung und Politik. Und er ist so lang wie das Thema komplex ist.

Die junge Journalistin, die gerade ein Interview in einem hessischen Pferdestall geführt hat, fasst ihre Verwunderung über die öffentliche Diskussion der letzten Zeit zusammen: „Es ist bemerkenswert, wie das Thema Pferdesteuer Wellen schlägt. Ich hätte nicht erwartet, dass es eine so starke Lobby und einen solchen Zusammenhalt zwischen den Pferdeleuten gibt.“

„Pferdeleute“ sagt sie. Das hat sie schon gelernt bei Ihren Recherchen. Denn das Thema betrifft bei weitem nicht nur die Reiter. Da sind die Stallbetreiber, Reitlehrer, Tierärzte,  Schmiede, Handwerker, Futterhändler… Pferdehaltung ist ein Wirtschaftsfaktor für die Region. Und die Pferdeleute wehren sich gegen die Einführung der Pferdesteuer, die die Länder den Gemeinden zur Sanierung ihrer maroden Finanzsituation empfohlen hat. Das hat seinen Grund.

 Der Totilas Schaden oder kein Licht im Offenstall

Deutschland war immer ein Pferdeland. Mit großartigen Pferden und bemerkenswerten Reitern. Mit großen Reitlehrern, die internationalen Ruf erwarben. Das Pferd in der deutschen Kunst und Literatur zeugt von der tiefen Verbundenheit der Deutschen mit ihren Pferden. Pferde sind Kulturgut. Reiten ist Breitensport. Wer immer die Idee mit der Pferdesteuer ausgeheckt hat – und das passiert alle Jahre wieder – unterliegt dem Totilas Syndrom. Wenn heute die nichtreitende Öffentlichkeit etwas über Pferde erfährt, so dreht es sich immer um den großen Reitsport. Oder um große Skandale. Und dann ist die Rede von Pferden, die Millionen wert sind und die ihren Besitzern Millionen einbringen. Auf dem Parcours oder der Rennbahn.

Welcher durchschnittliche Nichtreiter hat beim Thema Pferd schon die beiden 20jährigen Mädchen im Auge, die abends im Dunkeln nach der Arbeit Hunderte von Litern Wasser in ihren kleinen Offenstall ohne Wasseranschluss und Elektrik schleppen?

 Der Mythos vom reichen Reiter oder Gummistiefel im Winter

Rennpferde, Turnierpferde und ihre Reiter sind die Spitze eines Eisbergs. Reiter sind heute vor allem Freizeitreiter und nennen sich bewusst so. Die Definition beinhaltet – unter Abdeckung einer Vielfalt von Reitweisen – vor allem ein gemeinsames Verständnis vom Partner Pferd. Dazu gehört eine artgerechte Haltung ebenso wie die Sichtweise des Pferdes als Freizeit-Partner in einer Partnerschaft, in der die Bedürfnisse aller Beteiligten gleichermaßen berücksichtigt werden.

Wer heute bei einem Freizeitreiterstall vorfährt, dürfte sich als erstes über die Ansammlung von vom Alter gekennzeichneten Kleinwagen wundern, deren Rücksitze Pferdedecken und Hundehaare zieren. Das sind die fahrbaren Untersätze von Leuten, die für die Tierarztrechnung abends zusätzlich in der Kneipe kellnern, deren Winterjacken schon 5 Jahre alt sind, die Pferdedecken aber neu.  Die in den letzten Jahren ihren Urlaub im Stall statt auf Mallorca verbracht haben.

Deutsche TV Produktionen verbreiten immer noch gerne das Bild des Reiters, der mit glänzenden Stiefeln und blitzender Karosse vor dem Stallgrün vorfährt und sein fertig gesatteltes Pferd vom Stallknecht entgegen nimmt. Glänzende Stiefel? Für einen jugendlichen Reiter ist der Erwerb der ersten Lederreitstiefel ein von sämtlichen Verwandten finanzierter Höhepunkt seiner Karriere. Nach Jahren bitterer Schmerzen beim Auftauen der Füße, die in Gummistiefeln erst Stunden im Schnee herumgestapft sind, um dann bei der Fahrradfahrt heim vom Stall endgültig dem Kälteschock zu erliegen.

 Pferdemenschen oder warum Weihnachten nicht wichtig ist

Aber egal! Solche Widrigkeiten gibt es viele im Leben eines Reiters. Irgendwann kurz nach der Pubertät entscheidet sich ein Mensch dazu „Pferdemensch“ zu werden oder eben nicht. Ein Pferdemensch ist danach für den Rest seines Lebens unheilbar vom „Bazillus Cavallus“ befallen. Und nimmt dafür so ziemlich alles auf sich. Weil dieser Bazillus nämlich etwas mit Liebe zu tun hat und einer tiefgehenden Faszination. Wie passiert das?

Pferde sind in hohem Maße persönlichkeitsbildend. Anders als Hund oder Katze sind Pferde Fluchttiere. Hochsensible, auf ihre Umwelt ungeheuer fein reagierende Geschöpfe. Sie spiegeln ihr Gegenüber – im Umgang wie beim Reiten. Wer in Eile ist oder übellaunig, unruhig oder mit sich unzufrieden, wird mit seinem Pferd kein Stück weiterkommen. Oder wie es einer der großen hessischen Rittmeister früherer Zeiten, Rudolf Binding, formuliert: „Das Pferd ist dein Spiegel. Es schmeichelt dir nie. Es spiegelt dein Temperament. Es spiegelt auch seine Schwankungen.“ Und: Wer geradeaus will, wer das Leben sucht, wer Gebieter ist, vor allem Gebieter seiner selbst, wer gefasst ist und in sich gesammelt, wer sich vertraut und klaren Geistes ist, der mag wohl gut reiten.“ Der Umgang mit dem Pferd führt unweigerlich zur Entdeckung und Erkenntnis seiner selbst, gefolgt vom Erlernen der Selbstkontrolle und dem Gefühl tiefen Respekts und Dankbarkeit dem Wesen gegenüber, das dies ermöglicht hat.

Pferde sind keine Tennisschläger, die man in die Ecke wirft, wenn man gerade keinen Bock mehr auf den Sport hat. Und Reiten findet nicht in einer geheizten Turnhalle statt. Pferde wissen nichts von Weihnachten und Geburtstagen. Winterkälte und Sommerhitze ändern nichts an ihren Grundbedürfnissen: Pflege, Futter und Bewegung. Reiter sind Draussen-Menschen. Sie wissen an jedem Tag sehr genau wie das Wetter ist. Und die Geburtstags-Party startet erst, wenn das Pferd versorgt ist. Verantwortung bis zur Hingabe ist ein weiteres gemeinsames Kennzeichen von Pferdemenschen. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

 Ein großes Herz und wie man es bekommt

Aber es gibt noch mehr zu lernen mit dem Partner Pferd. Was, das kann man z.B. am „Abend der Vereine“ bewundern, der einmal im Jahr im Rahmen des Frankfurter Festhallenturniers stattfindet. Die Mitglieder lokaler Reitvereine zeigen in einem Schaubild, was sie können. Hier sind die Freizeitreiter unterwegs, mit einem bunten Rassemix von Warmblut über Haflinger bis Shetland Pony. Überwiegend sind es Kinder und Jugendliche, bis zu fünfzig Mitwirkende hat ein solches liebevoll gestaltetes Schaubild. Wer nicht das Glück hat, ein Pferd zu reiten, der läuft, tanzt, singt und musiziert.

Es bewegend zu sehen, was dort in der Arena geleistet wird. Man denke nur einmal daran, was es bedeutet, die Kostüme und Utensilien zu organisieren: leihen, erbetteln, Sponsoren suchen… Und Dutzende von Stunden nächtlicher Näh- und Bastelarbeit binden Angehörige und Freunde aller Beteiligten ein. Obwohl die reiterischen Leistungen durchaus überzeugend sind, ist etwas anders viel bedeutender: Auf einer so großen Fläche, unter dem Scheinwerferlicht der durchaus respekteinflößenden und eindrucksvoll festlichen geschmückten Festhalle, unter Hunderten  wachsamer Augen eine 10minütige Choreografie sauber zu spielen, das verlangt einen ungeheuren Einsatz von Mensch und Tier. Das Herzklopfen übertönt fast die Musik. Es ist ein ständiges über seinen eigenen Schatten springen. Aber die Erfahrung ist einzigartig und lehrreich. Hierfür haben alle wochenlang geübt, ob fünf oder fünfzig Jahre alt. Und sie haben viel dabei gelernt. Zum einen, wie es ist, ein Teil einer Gruppe zu sein, die perfekt miteinander funktionieren muss. Die auch die Jüngsten, Schwächsten, Gefallenen, Stolpernden und Falschreiter wieder aufsammelt und mit sich trägt. Die weiß, dass man nur gemeinsam erfolgreich sein kann. Und eine weitere Erfahrung: Disziplin. Selbst die Kleinsten wissen, dass es bei der Arbeit mit Pferden nicht hilft, in Panik zu verfallen. Nur Ruhe und Kontrolle helfen in verzwickten Situationen weiter. Dafür gibt es immer viele schöne und mutige Beispiele zu sehen.

Was für ein großes Herz muss das kleine Mädchen auf dem schnellen, recht wild dreinschauenden Shetland Pony haben, wenn es mitten in dieser riesigen Arena eine Reihe von Pferden für einen Sprung anführt, wohl wissend, dass die folgenden Reiter von ihrer Leistung abhängig sind!

Apropos Shetland Pony – diese und andere Winzlinge unter den Pferden sind oft die Lieblinge und Stars vieler Vereine und vor allem der allerjüngsten Reiter! Von nun an sollen die nächsten 10 Jahre eines solchen Winzlings die Gemeinde um bis zu 7.500 EUR bereichern.

Eine Gemeinde wundert sich oder die Entfernung zwischen Mensch und Politik

Pferdebesitzer sind demographisch so unterschiedlich wie nur was. Wohl keine Gemeinde hätte zum Thema Pferdesteuer erwartet, sich plötzlich einer solchen Lobby gegenüber zu sehen und einer so breiten öffentlichen Diskussion ausgesetzt zu sein. Da mussten bei der öffentlichen Sitzung zur Abstimmung über die Pferdesteuer zunächst  zusätzliche Stühle besorgt werden, um den 350 Reiter aus dieser und den umliegenden Gemeinden Platz zu schaffen, die gekommen waren, um zu protestieren. Die folgende Abstimmung fiel im Übrigen gegen die Pferdesteuer aus. Die für die Prüfung des Antrags zuständige Dame aus der Nachbargemeinde sah sich mit Hunderten von E-Mails täglich konfrontiert, die nicht immer sachlich blieben.

Als es dann so aussah, als würde sich die Schlacht um die Pferdesteuer genau in dieser hessischen Gemeinde entschieden, tauchten die Fernseh- und Zeitungsleute auf. Und der Anteil an Sendezeit und Berichterstattung fiel für die Gemeindevertreter eher dürftig aus. Kopfkratzen! Wie konnte das sein?

Die Gemeinsamkeiten der ansonsten sehr unterschiedlichen „Pferdemenschen“ haben wir hier betrachtet. Dass sie auch gemeinsam aufstehen können, haben sie bewiesen. Im Internet gibt es Aktionsbündnisse und Unterschriftensammlungen. Alleine in Facebook halten mindestens fünf Gruppen alle Interessierten ständig auf dem allerneuesten Stand. In dieser Szene passiert nichts, was den wachsamen Beobachtern entginge. Sämtliche Verbände unterstützen die Initiativen und Aktionen gegen die Pferdesteuer. Mit Anschreiben an die Gemeinden und sachgerechten Argumenten. Und mit der Zusage anwaltlicher und finanzieller Unterstützung im Falle von Prozessen. Denn selbst mit der Entscheidung für die Pferdesteuer in einer Gemeinde wäre das Thema noch lange nicht beendet. Gibt es da doch den Paragraphen 62 a in den Landesverfassungen, der da lautet: „Der Sport genießt den Schutz und die Pflege des Staates, der Gemeinden und Gemeindeverbände.“Schon lange haben Anwälte Klageschriften in der Schublade liegen.

Aufwand gegen Nutzen – Kulturgut oder Steuerobjekt

Natürlich zählen vor allem auch wirtschaftliche Argumente. Wer oder was soll denn hier eigentlich besteuert werden? Das Pferd, das Reiten, der Reiter? Klar, das Pferd. Aber wie steht es mit der Steuer auf Schulpferde, Therapiepferde, Zuchtstuten, Fohlen? Ausnahmen? Ok. Und was ist den alten, nicht mehr reitbaren, kranken und Beistellpferden? Wer wird sich ihr Wohlergehen noch leisten können? Alle Ausnahmen einmal definiert und abgezogen, was bleibt? Und was kostet es, die Ausnahmen zu definieren und ständig zu überprüfen?

Es gibt in Deutschland keine zentrale Registraturstelle für Pferde. Gerne möchte man die Betreiber der Pensionsställe zur Einziehung der Steuer heranziehen. Was ist aber mit den zahllosen kleinen Offenställen, die an jeder Ecke des Landes wie Pilze aus dem Boden schießen? Was ist mit dem Nachvollziehen von Besitzerwechseln? Wie viele Reiter, die ja sowieso nicht in der Gemeinde wohnen, werden mal eben über die Gemeindegrenzen auswandern? Der wirtschaftliche Verlust der Stallbetreiber führt für die Gemeinde zu Einkommens- und Umsatzsteuerverlusten. Auch wenn Reitsport nicht mehr elitär ist, so gibt es doch weit mehr Fußballer als Reiter. Rechnet sich das Einkommen über die Pferdesteuer überhaupt gegen den Aufwand, sie zu erheben und die durch sie verursachten wirtschaftlichen Schäden in vielen Wirtschaftsbereichen der Gemeinde?

Sind unsere Pferde Kulturgut oder Steuerobjekt? Wie gut durchdacht ist diese Geldbeschaffungsmaßnahme? Wem nutzt und wem schadet sie? Wäre es nicht gerade in der heutigen Zeit unverantwortlich, auch nur einem Jugendlichen die Chance zu nehmen, das zu lernen, was der Umgang mit dem Pferd ihn lehren kann? Welcher andere Sport beeinflusst in so positiver Weise die Persönlichkeitsbildung und lehrt soviel Verantwortung, Mitgefühl, Disziplin und Lebensfreude? Und fördert, was wir allen Heranwachsenden und vor allem unseren Politikern so sehr wünschen: ein großes Herz.